Sandramoris - Was in den Wäldern lebt
Der Baum Morto
Wer einmal die Künste des Baumes Morto erlebt hat, wird sie nie wieder vergessen.
Der Baum ist gut vernetzt mit den anderen Geschöpfen des Weisen Waldes, als wären sie ein einziges riesiges Lebewesen. Es lauscht, es nimmt jede Berührung wahr, spürt jede noch so kleinste Erschütterung des Waldbodens, jedwede Veränderung in der Luft.
So mögest du denken, du unbesonnene Wanderin, dass niemand deine Anwesenheit im Weisen Wald mitbekommen hat. Dass niemand dich beobachtet, wenn du in ehrfürchtigem Staunen verharrst. Eingefangen von der wilden Schönheit der Bäume, der sie bewohnenden Flechten, dem ausufernden Moos, dass den Waldboden umfängt, berauscht von der Vielfalt an Farben, Geräuschen und Gerüchen.
Doch denke immer daran: In dem Moment, in dem dein Fuß den Waldboden betreten hat, weiß bereits der letzte Baum, dass nun ein Mensch eingetreten ist.
Der Weise Wald hat gelernt sich vor äußeren Einflüssen in Acht zu nehmen.
Zu oft wurde er seiner Ressourcen beraubt, seine Kinder ermordet, ihre Körper gestohlen. Zu oft wurde er missbraucht für die Interessen anderer. Die Schreie der Sterbenden hallen tief und schmerzhaft in seinem Gedächtnis. Der Weise Wald kann nicht vergessen. Es fällt ihm schwer zu verzeihen.
Im Laufe der Jahrhunderte hat er deshalb umfangreiche Schutzmaßnahmen entwickelt.
Die Entstehung des Baumes Morto gehört mit dazu und ist eine der Kampfesmaßnahmen in der Schlacht um sein Überleben.
Nun könntest du denken, Morto sei von Grund auf ein böses Lebewesen.
Doch sei dir gewiss, dass dem nicht so ist.
Er kämpft allein für das Überleben des Weisen Waldes, es gilt den nachkommenden Generationen eine Zukunft bieten, sie zu behüten, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken. So ist er den Menschen in vielem recht ähnlich.
Die oberste Prämisse ist, das Überleben zu sichern. Auf das noch in Generationen der Weise Wald frei, selbst bestimmt , in seiner tiefen Schönheit atmend, existieren kann.
Morto ist kahl. So erscheint er im ersten Moment der Betrachterin als harmlos mit seinen knochigen ausgedörrt wirkenden Ästen. Ein zwar großer aber fast schon toter alter Baum, mögest du denken.
Doch dieses äußere Erscheinungsbild gehört nur mit zu seiner Tarnung. Ein raffiniertes Ablenkungsmanöver, dass die tödliche Gefahr, die tief in ihm schlummert, verbirgt.
Im Wind wiegt er sich hin und her, lauscht den Worten, die zu ihm getragen werden. Lauscht dem Wispern der anderen Waldbewohnenden. Lauscht und hat im Laufe der Jahrzehnte viele Sprachen gehört und zu verstehen gelernt.
Morto ist ein äußerst intelligentes Lebewesen.
Die Nacht ist seine liebste Zeit, in der Ruhe und Dunkelheit kann er sich am besten konzentrieren. In manchen Nächten nimmt er Kontakt auf zu Lebewesen, die längst verstorben sind, trifft Lebewesen die inzwischen fern von ihm leben, unterhält sich mit Lebewesen, die in ihm wohnen.
Sein Name ist etwas irreführend, denn du könntest denken, alles was ihm begegnet, sei des Todes geweiht. Dies ist jedoch nicht so.
Im Grunde seines Herzens ist Morto ein lebensbejahendes Geschöpf.
Den Namen erhielt er von Menschen, die nur eine Seite von ihm kannten.
Seine Fähigkeit zu töten setzt er nur im Notfall ein, um sich selbst bei Angriffen zu schützen und, was das wichtigste ist, wenn es darum geht den Weisen Wald zu bewahren vor Zerstörung und der Gier anderer.
Morto beherbergt einen faszinierenden Gedächtnispalast. Dort sind alle Geschichten, Sagen, Erlebnisse des Weisen Waldes gespeichert, leben in den abertausenden von Zimmern, in den prachtvollen Festsälen, bis hin zu den dunkelsten Kammern.
Im stetigen Austausch mit allen Lebewesen des Weisen Waldes, hat er sich seit seiner Geburt immer weiterentwickelt. Nun ist er eines der intelligentesten Geschöpfe des gesamten Waldes.
Die Kraft die ihn dazu gebracht hat, diese überragende Intelligenz zu entwickeln, entspringt einer Quelle tief in seinem Innern. In der Stille mancher Nächte ist ihm, als vernehme er das Geräusch von fließendem Wasser tief in seinem Stamm, lauscht in sich hinein. Die Gewissheit, dass die Quelle nie versiegt, gibt ihm Ruhe, Gelassenheit, aber auch die Kraft im Notfall entschieden zu handeln.
So rein seine Seele auch sein mag, er kann einen Gegner im Bruchteil von Sekunden überwältigen und töten. Manchmal lässt er sich aber auch Zeit mit dem Töten. Oft dann, wenn der Feind keine Gnade in Form eines schnellen Todes verdient hat.
Seine zunächst so harmlos aussehenden knochigen Äste sind wie wendige muskulöse Arme, die den Feind umschlingen, vom Boden in die Luft heben, seine Luftröhre zudrücken, seine Knochen zum Brechen bringen. Manchmal lässt er sie schreien, damit der ganze Wald teilhaben kann an der Rache.
Er ist in der Lage sich im Wald frei zu bewegen, blitzschnell seine Stellung zu wechseln.
In den Jahren der Belagerung von Sandramoris tötete er unablässig eindringende Männer, wenn sie Hand an seine Artgenossen legten. Der Weise Wald roch nach dem Blut der Besiegten, es sickerte aus ihren sterbenden Körpern in die Erde, wo es anderen kleinsten Lebewesen Nahrung bot.
Morto beherbergt die Seelen aller von ihm Getöteten in sich. So wächst sein Gedächtnispalast stetig, vor seinem inneren Auge ziehen fremde Länder vorbei, nachts schreitet er im Geiste über hohe kahle Berge, bereist die Weite See in hölzernen Segelschiffen, besucht wundersame Stätten in fremden Ländern.
Er schließt Frieden mit den von ihm Getöteten, sobald ihre Seelen vor seinen Augen tanzen. Dann lädt er sie ein sich zu ihm zu setzen, mit ihm ins warme Licht zu blicken, das alles Böse und Verdorbene verschwinden lässt.
Arbo de Morto Baum des Todes
Gardisto de la Arbaro Behüter des Waldes
Portu niajn memorojn Trägst Unsere Erinnerungen
En la Palaco de Senfineco Im Palast der Unendlichkeit
Gardisto de Animoj Bewahrer der Seelen
Nur nun, ke ni rigardas la lumon kun vi Erst jetzt, da wir mit dir ins Licht blicken
Ni rekonu la maljustecon Erkennen wir das Unrecht
Kaj povas fari pacon Und können Frieden schließen
Ke la fonto flustri Möge die Quelle flüstern
Gis la tuta sufero de la tero malaperos Bis alles Leid der Erde verschwunden
Was in den Wäldern lebt - Der Baum Morto
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