Kultur aus Sandramoris

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Crynn
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Re: Kultur aus Sandramoris- Der Pakt

Beitrag von Crynn »

Die fliegenden Wächterinnen

Der Pakt zwischen den Amazonen und den Raben wurde besiegelt in einer Vollmondnacht. Schon lange waren sie Verbündete gewesen im Kampfe, in der Verteidigung des Landes. Die Vögel hatten Kunde gebracht von sich nähernden Eindringlingen, sie begleiteten die Amazonen in die Schlacht, labten sich an den Körpern der Gefallenen.
Geschenke wurden in dieser Nacht übergeben. Die Kriegerinnen erhielten einen Mantel, bestehend aus übergroßen glänzenden Rabenfedern. Noch wussten sie nicht von dessen Macht, kannten seine Kräfte nicht. Die Federn stammten von den Körpern der riesigen Raben aus den Bergen.
In Geschichten wurde den Kindern von ihren Taten erzählt. Die Gütigen, die Weisen, die Sprechenden. In der Stunde des Todes, so erzählte man sich, erscheint jeder sterbenden Amazone einer von ihnen. Breitet seine Flügel über ihrem schwächer werdenden Körper aus. Erzählt ihr von der Reise, die bevorsteht. Sie sieht in seine dunklen Augen, wenn sie ihren letzten Atemzug macht. Während die Menschen um sie herum weinen, spürt sie eine Wärme, ihr Herz schlägt langsamer, sie steigt auf den Rücken des Raben. Sein Gefieder ist weich unter ihren gerade noch zitternden jetzt ganz ruhigen Händen. Weit steigen sie auf in die Lüfte, sie sieht Sandramoris unter sich liegen, noch höher geht es, bis über die Wolken. Die Sonne küsst ihr Gesicht.
Der Mantel durfte zunächst nicht getragen werden. Er ruhte in einer hölzernen Truhe, mit kunstvollen Schnitzereien verziert.
Der Pakt lag schon viele Jahre zurück, da beschloss eine Amazone namens Roja die Truhe zu öffnen. Als sie den Deckel hob, klang eine Stimme in ihr Ohr. Sie musste den Mantel umlegen. Es gab keine andere Möglichkeit, fast war es, als wäre die Stimme plötzlich in ihrem ganzen Körper. Niemand befand sich mit ihr im Raum, als sie den Rabenmantel aus der Truhe hob, ihn sich um die Schultern legte. Es war ihr, als wäre sie in eine zweite Haut geschlüpft. Die Federn bewegten sich mit ihrem Körper, wenn sie ihre Arme hob, blähte sich der Mantel auf. Die Stimme wurde jetzt immer lauter in ihr. Sie erzählte ihr von den Raben aus den Bergen. Sie weihte sie ein in uralte Rituale, verriet ihr Geheimnisse, die nie zuvor eine Amazone hatte erfahren dürfen.
In dem Moment verwandelte Roja sich. Äußerlich war davon nichts zu sehen, noch immer stand dort die große muskulöse Frau, deren linke Wange von einer langen roten Narbe gezeichnet war.
Roja nahm den Mantel mit sich. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu gehen. Jahre bewahrte sie ihn in ihrem Haus auf, in einem Zimmer, zu dem ihre Kinder keinen Zugang hatten.
Immer öfter kam es vor, dass sie nachts verschwand. Wenn sie in den frühen Morgenstunden zurückkehrte, war ihr langes schwarzes Haar zerzaust, ihre dunklen Augen leuchteten.
Ihren Töchtern fielen Veränderungen auf. Es schien ihnen, als würden die Finger ihrer Mutter länger werden, ihr ganzer Körper schien wendiger, geschmeidiger zu werden. Ihre Haare wurden voller, ihre Augen waren wie tiefe glänzende Seen.
„Du machst mir Angst“ Diese Worte ihrer jüngsten Tochter Odine hätten die frühere Roja tief getroffen. Die neue Roja lachte nur darüber. Sie wiegte Odine in ihren starken langen Armen. „Die Stunde rückt näher“ flüsterte sie ihr ins Ohr, bevor sie sich umdrehte und das Haus verließ.
Einige Tage später war es dann so weit. Odine hatte in dieser Nacht noch lange wach gelegen, sie machte sich Sorgen um ihre Mutter. Der Vollmond schien in ihr Zimmer. Als sie gerade ihre Augen schließen wollte, klopfte etwas an ihr Fenster. Odine erschrak, denn ihr Zimmer lag im ersten Stock des Hauses. Vorsichtig drehte sie sich zum Fenster um. Als sie dort nichts sah, stand sie auf. In dem Moment, als sie ihre Nase gegen die Scheibe drückte, erblickte sie die Augen ihrer Mutter. Nur waren sie viel kleiner, runder. Ein großer Rabe saß auf der Fensterbank, direkt vor ihr, mit seinem Schnabel pochte er ans Fenster. Odine wollte schreien, doch etwas in ihr sagte, dass ihr keine Gefahr drohte.
Der Rabe mit den Augen ihrer Mutter pochte wieder an ihr Fenster, kräftiger, beharrlicher.
Odine öffnete das Fenster. Der Rabe flog hinein, landete auf ihrer Schulter. Er flüsterte in ihr Ohr. Zunächst verstand sie ihn nicht. Mit der Zeit wurden die Worte deutlicher, ergaben Sinn. Odine erfuhr in dieser Nacht Dinge, die sie sich nie hatte vorstellen können, erhielt Einblick in eine Welt voller Schönheit.
„Die Stunde meines Abschiedes ist gekommen“. Der Rabe saß nun vor ihr auf der Fensterbank, eine lange rote Narbe auf seiner linken Wange. Die Tränen die Odine weinte, benetzten sein Gefieder als sie sich über ihn beugte um Abschied zu nehmen.
„Wisse, dass du nie allein sein wirst. Wisse, dass wir Raben wachen über euch Frauen. In der tiefsten Dunkelheit, in Stunden der Trauer, der Verzweiflung, immer werden wir bei euch sein. Nicht immer werdet ihr uns sehen können. Doch sei dir gewiss, dass Band im Pakt geflochten, wird niemals reißen. Unsere Verbindung wird ewig sein. Wenn dein Atem ein letztes Mal in diese Welt entweicht, meine geliebte Tochter Odine, werde ich dich in meinen Schwingen wiegen.“
Roja flog davon, das Geräusch ihres schimmernden Federkleides konnte Odine nie vergessen. So sehr sie ihre Mutter vermisste, so stark war auch ihr Glaube an die Worte ihrer Mutter. Die Gewissheit, sie wiederzusehen. Die Hoffnung, die sie ihr gegeben hatte.
Odine bewahrte das Geheimnis ihrer Mutter, sie schützte den Rabenmantel, wie ihre Mutter es ihr aufgetragen hatte. Sie wusste, dass die Zukunft der Amazonen eng mit den Raben verknüpft war, der Pakt durfte nicht gebrochen werden.
„Schwarze Augen, schwarze Schwingen. Laute die wie Worte klingen. Deine Seele wird sich laben, wenn du triffst auf deinen Raben“
Zuletzt geändert von Crynn am So Jan 04, 2026 1:33 pm, insgesamt 1-mal geändert.
Crynn
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Re: Kultur aus Sandramoris- Die Legende von Lumo

Beitrag von Crynn »

Es gibt eine alte Legende in Sandramoris.
Unsere Grossmütter haben sie unseren Müttern erzählt, wenn sie sie in den Schlaf wiegten, wir selbst pflanzen sie in die Herzen unserer Kinder und auch sie werden die Geschichte weitergeben. So wandert sie von Generation zu Generation, Hoffnung spendend für alle Zeiten:
„Lumo - Die Frau aus Stein“.
Ich will sie euch erzählen:
Einst waren die Amazonen in Sandramoris Gejagte. Aus fernen Landen kamen Männerhorden über die Weite See.
Zunächst hatten wir diesen Männern kaum etwas entgegenzusetzen. Wir wurden überrascht von der Wucht ihres Angriffs, ihrer rohen Gewalt, ihrer Wut auf alles Weibliche. Ihrem Drang sich zu bedienen an unseren Kindern, unseren Leibern, unseren Besitztümern.
Sie überrannten Sandramoris, drangen in einer Schnelligkeit in unser geliebtes Land vor, wie wir sie zuvor noch nie bei einem Angriff erlebt hatten.
Doch es formte sich Widerstand in den tiefen Wäldern. Über die Jahre der Besatzung dieser feindlichen Macht baute sich eine Armee an Amazonen im Untergrund neu auf. Die nichts anderes im Sinn hatte als ein freies Sandramoris, dass der Herrschaft der Männer , die es sich gestohlen hatten, wieder entrissen wurde.
Lange Zeit dauerte es, bis die Armee der Frauen stark genug war um sich dem Kampf zu stellen.
Und eine von ihnen tat sich dabei ganz besonders hervor: Ihr Name war Lumo.
Als kleines Mädchen hatte sie Nacht für Nacht miterleben müssen, wie ihre Mutter neben ihr auf der Bettstatt grosse Schmerzen erleiden musste, durch die Hand des Mannes, der sich als neuer Vorsteher des Dorfes indem sie aufwuchs deklariert hatte.
Nach der feindlichen Besetzung des Landes hatten die Fremden sehr schnell jedes Dorf, jede Stadt, so gut wie jedes Gebiet in Beschlag genommen.
Lumo war noch zu klein gewesen, als dass sie sich an die Zeit vor der Besatzung erinnern konnte. Sie kannte das Gefühl von Freiheit nicht, nur aus den flüsternden Gesprächen, die ihre Mutter mit anderen Frauen des Dorfes im Waschhaus führte.
Als sich ihr eigener Körper immer mehr in den einer Frau verwandelte, begann der Vorsteher sich auch für diesen zu interessieren. Zunächst hatte sie es geschafft seinen Forderungen zu entgehen. Doch sie hatte immer gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem sie, in eine Ecke getrieben, wie ein Tier schreiend, ihm Gehorsam leisten müsse.
Lumo war schon als kleines Mädchen ein anderes Kind gewesen, als ihre Spielgefährtinnen. Sie konnte den Wind flüstern hören, sie sprach zu den Sternen, manchmal schloss sie ihre Augen, murmelte unverständliche Laute, wie in einer Trance stand sie dann da und wiegte ihren schmalen Körper hin und her.
Immer spürte sie eine Stärke in sich, fühlte, dass etwas in ihr war, dass von Jahr zu Jahr wuchs, zu ihr sprach, ihr Kraft schenkte in Zeiten der Traurigkeit.
Als junge Frau verließ sie schließlich bei Nacht ihr Dorf, mit dem festen Willen sich den freien Amazonen in den Wäldern anzuschließen, von denen die Frauen des Dorfes hinter vorgehaltener Hand erzählt hatten.
Das Wunder auf das ganz Sandramoris so lange Zeit gewartet hatte schien in Erfüllung zu gehen.
Nach und nach konnte die Armee der Amazonen zunächst einzelne Dörfer, später, als sich immer mehr Frauen der Bevölkerung dem Befreiungskampf anschlossen, ganze Städte befreien, die Feinde vertreiben.
Es schien, als wäre die Dunkelheit, als wäre all das was Sandramoris fast ausgelöscht hätte vom Licht überflutet worden.
Doch über die Weite See kamen Herrscharen von weiteren Männern aus fernen Ländern mit Söldnern. Die Bevölkerung von Sandramoris hatte sich dem Widerstand inzwischen fast komplett angeschlossen und es entbrannten wilde Kämpfe an den Küsten der Weiten See um die Eindringlinge daran zu hindern weiter ins Landesinnere vorzustossen.
Es ist unvorstellbar, wie viele Menschen, Frauen, Kinder dabei gefallen sind.
Ein Blutmeer überzog die Küsten.
In der letzten alles entscheidenden Schlacht dort in den Wäldern vor der weiten See gelang es einer Truppe an Männern sich der Anführerin entgegenzustellen, sie einzukreisen, sie abzuschirmen von den anderen und durch die Wälder zu jagen.
Sie hatte nichts als ihren Leib und ihre blutdurchtränkte Kleidung, denn ihre Waffen waren auf der Flucht verloren gegangen. Zum Schluss war sie wie ein gehetztes Reh, das den Jägern zu entkommen versucht, auch wenn es die Pfeile in seinem Körper bereits spürt und die Kraft aus ihm herausrinnt.
Sie hörte die Angreifer hinter sich , hörte wie das Gehölz unter ihren schweren Schritten brach. Sie hörte ihre lauten Stimmen, sie hörte ihr höhnisches Lachen.
Und irgendwann ging ihr die Kraft aus. Sie wusste, dass sie nicht länger fliehen konnte, dass ihre Zeit sich nun dem Ende zuneigte.
Es begab sich auf einer kleinen Lichtung im Grossen Wald da Sie sich umdrehte und wartete, um dann mit mutigen Blick aus grossen dunklen Augen ihren Verfolgern entgegen zu treten.
An der Zahl 10 Männer waren es, die sie einkreisten, in die Enge trieben. Und doch setzte sie alle Mittel ein die Sie hatte, sie kämpfte um ihr Leben. Alle Techniken die Sie jemals erlernt hatte, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte, ihre Großmutter ihr schon in die Ohren geflüstert hatte, als Sie noch ein kleines Wesen war das in der Wiege schlief, wandte sie an.
Sie nahm alle Kraft die Sie noch hatte zusammen, sie schlug, sie biss, sie würgte, sie schrie, doch es waren derer an der Zahl zu viele. So konnte Sie nichts tun, nichts tun und musste zusehen wie ihr Leib geschändet wurde. Ihr Geist hatte sich längst dem Körper entzogen um ihr diesen Schmerz zu ersparen. Wie diese Männer sich alles nehmen wollten was sie ausmachte und doch wusste sie tief in ihrem Innern, dass sie niemals ihre Seele brechen würden, auch wenn der Preis ihr Sterben wäre.
Als die Männer nach langer Zeit von ihr abgelassen hatten, kam der Anführer auf Sie zu, ein großer schwerer Mann mit einem breiten bösen Lächeln und kalten blauen Augen. Der nun als letzter genießen wollte, was er sich erobert hatte.
In dem Moment als er sich auf Sie legen wollte, ging ein Zucken durch ihren Leib. Es begann in ihren Füssen. Eine tiefe Ruhe kam über sie, eine Wärme floss durch ihren Körper. Es war ein seltsames Gefühl und doch erkannte sie es wieder. Es war dasselbe Gefühl, dass sie in Kindertagen gespürt hatte, wenn sie wie in Trance sich verbunden fühlte mit höheren Mächten.
Irgendwie spürte Lumo plötzlich ihre Füße nicht mehr, ihre Beine wie taub, alles um sie herum verschwamm wie in einem Nebelmeer. Und auch der Mann über ihr war wie ein Bild aus einem Traum, sie hörte ihn nur laut schreien.
Die umstehenden Männer wichen entsetzt zurück. Dort in der Mitte der Lichtung lag Lumo auf dem Boden. Ihre Zehen, die sie gerade noch in die Erde gekrümmt hatte, waren nun ganz entspannt. Sie hatten sich grau gefärbt.
Eine Macht war zum Vorschein gekommen, die immer schon in ihr geschlummert hatte, auf den Moment wartend, in dem sie ihre Künste zeigen durfte.
Noch nie zuvor hatte je ein Menschenauge diese Künste erleben dürfen.
Ihre Adern, die sie noch eben pochend gespürt hatte, wurden dunkel. Nach und nach färbten sich ihre Füße, ihre Beine, ihr Becken, ihr ganzer Leib grau.
Lumos Körper verwandelte sich zu Stein. Als dann nur noch ihr Kopf rosig war, öffnete sie weit ihre dunklen Augen.
Die Männer waren zurückgewichen, wie erstarrt und sprachlos starrten sie sie an.
Lumos Blick war ganz ruhig und ohne Angst. Sie lächelte, als sie zu sprechen begann:
„Ihr dachtet ihr könntet alle Frauen in Sandramoris unterwerfen.
Für uns seid ihr Männer nichts als der Abschaum der Welt. Seht, was ihr euch gegenseitig antut. Seht, wie ihr mit euren Anvertrautem umgeht. Seht, was ihr in der Welt für Zerstörung anrichtet, mit eurer grenzenlosen wahnsinnigen Wut.
Niemals werden wir uns euch unterwerfen. Niemals werden wir eure Hände in die unseren nehmen. Niemals werden wir zu euren Füssen knien. Niemals vor euch im Staub kriechen.
Ihr könnt uns nicht untertan machen. Wir sind freie stolze Frauen von Sandramoris. Wir sind Amazonen. Niemals könnt ihr uns bezwingen, niemals unsere Seelen brechen.
Sehet, jetzt werde ich zu Stein. Ich werde erstarren, damit ihr mich nicht bekommt und dann in ferner Zukunft, wenn wir frei sein werden, alle Frauen, alle Frauen auf dieser Welt, auf dieser wunderschönen Erde, wenn wir uns befreit haben, dann erst werde ich erwachen aus dem langen Schlaf in den ich nun falle.“
Der Mann über ihr wurde in dem Moment zu Stein, als sich Lumos Kopf ihm zuwandte, aus ihren Augen Lichtblitze zu sprühen begannen.
Lumos Blick war blind geworden, denn alle Kraft nutzte sie nun für ihr Vorhaben. Das Licht, das grell aus ihren Augen schoss, streute sich und jeden der feindlichen Männer, den es traf, verwandelte es in Stein. Aus der Lichtung heraus schoss es in die Höhe, als Lumo ihren Kopf zum Himmel hob. In ganz Sandramoris verteilte es sich im Bruchteil von Sekunden. Überall wurden die Feinde zu steinernen Skulpturen und Sandramoris ward frei.
Es heisst, dass aus den steinernen Körpern der Feinde eine grosse Mauer gebaut wurde, manche der Körper schienen wie in Krämpfen verschlungen, ihre Augen weit aufgerissen, als hätten sie in den letzten Sekunden ihres Lebens etwas erblickt, dass jenseits aller Vorstellungskraft läge.
Lumo, die Frau aus Stein ward verschwunden.
Nur die weisen Frauen vom Orden Lumo kennen den Weg zu ihr, sitzen neben ihr, halten Wache, umschließen sie mit ihrer Wärme.
Manchmal weint sie in der Nacht, sie flüstert unverständliche Laute aus ihren steinernen Lippen, tief im Gestein schlägt ihr Herz weiter.
Die weisen Frauen entzünden Feuer und tanzen um sie, sie singen, sie schmücken sie mit Blumen, sie vertrauen darauf, dass sie eines fernen Tages erwachen möge und alles Unrecht aus der Welt verbannt sein würde.

Lumo Lumo
Virino farita el stono Frau aus Stein
En la ombro de la granda arbo Im Schatten des grossen Baumes
vi dormas Schläfst du
Sirmitaj en la rondo de sagaj virinoj Geborgen im Kreise der weisen Frauen
Vi vekigos Erwachen wirst du
Kiam la voco resonas en vi Wenn die Stimme in dir erklingt
Viaj okuloj brille la lumon Deine Augen sprühen das Licht
Nia amata planedo brilos en hela grandiozeco Leuchten wird unser geliebter Planet in
Hellem Glanz
Vi estos la lumo, kiu lumigas la mallumon Du wirst das Licht sein, das die
Dunkelheit erhellt
Via flustro atingas niajn korojn Dein Flüstern erreicht unsere Herzen
Ni tenas viajn larmojn en niaj animoj Deine Tränen bewahren wir in unseren
Seelen
Ni protektas vin Wir beschützen dich
Ni ekbruligas la fajron por vi Wir entzünden das Feuer für dich
Ni protektas vin kontrau ciuj dangeroj Wir behüten dich vor allen Gefahren
Dum vi dormas während du schläfst
Crynn
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Re: Kultur aus Sandramoris- Das Haus der Schwestern- Die Gewächshäuser

Beitrag von Crynn »

Das Haus der Schwestern – Die Gewächshäuser

Drei kuppelartige hohe Gewächshäuser, gleich hinter dem riesigen uralten Haus, reflektieren das Sonnenlicht, so dass es Tage gibt, an denen man kaum imstande ist sie anzusehen ohne die Augen zukneifen zu wollen. Aus Kristall und schwarz glänzendem Metall erbaut, kunstvolle Verzierungen und Figuren am Rande der Kuppeln, Wasserspeier in Form von Drachen, Echsen und schlangenartigen Wesen. Das Kristall ist so alt, dass an manchen Stellen kleine Risse entstanden sind.
Eine schwere Eisentür verschafft den Zugang zum ersten Gewächshaus, doch nur derjenigen, die den langen silbernen Schlüssel mit seinen geheimnisvollen Zeichen auf dem Griff zu Hand hat. Die Gewächshäuser sind stets verschlossen. Es gab eine Zeit in der der Schlüssel plötzlich verschwunden war. Für Jahre konnte niemand die Gewächshäuser betreten. Und doch hörte man immer wieder Geräusche daraus. Sah Bewegungen hinter dem Kristall oder manchmal Lichter in der Nacht.
Hinter der Eisentür geht der Blick gleich in die Höhe, denn dort hängt ein riesiger Kronleuchter in der Mitte der Kuppel. Über eine schmale Eisentreppe, gleich links neben der Eingangstür steigt man hinauf fast bis zur Kuppel. Dort kann man auf einer Metallkonstruktion, die um das gesamte erste Gewächshaus führt, nach unten sehen und hat außerdem die Gelegenheit die Lichter im Kronleuchter zu entzünden. In den Anfangsjahren des Hauses sollen hier Bankette stattgefunden haben, inmitten der Oase aus Palmen, Oliven- und Feigenbäumen. Ein Springbrunnen ist zu betrachten, aus den Augen des Einhorns, um dessen muskulösen steinernen Körper sich Schlingpflanzen und allerhand Kleingetier winden, rinnt stetig Wasser, die Frauenstatue auf seinem Rücken, eine Amazone in voller Kriegstracht, zielt mit ihrem Pfeil, der bereits gespannt im Bogen liegt, auf die Eingangstür.
Karren um Karren voll Sand wurde hier hereingebracht, er liegt auf dem Boden, an manchen Stellen sind kleine Hügel errichtet, aus denen Kakteen und Sukkulenten wachsen. Der Weg, der durch das erste Gewächshaus führt besteht aus kleinen bunten Keramikfliesen, kunstvoll arrangiert, so dass sich immer wieder Bilder und Symbole entfalten.
Durch eine kleine, zwischen all den hohen Palmen kaum sichtbare Eisentür gelangt man in das zweite Gewächshaus. Hier ist es stets sehr warm, so dass es früher im Winter ein beliebter Aufenthaltsort war. Dazu wurden an mehreren Stellen Bänke aufgestellt, schmiedeeisern, kunstvoll gearbeitet mit Blättern und Früchten verziert. Diese sieht man jedoch nicht gleich, zunächst führt der Weg über die Mosaiksteine, die in diesem zweiten Gewächshaus nur blau und weiß sind, in ein Labyrinth aus Farnen, Palmen, Orchideen, fleischfressenden Pflanzen, großen Kakteen in den unterschiedlichsten Formen und allerhand anderen blühenden Pflanzen. Ein Gärtner soll nur für die Pflege der fleischfressenden Pflanzen zuständig gewesen sein, sich um die Aufzucht der Insekten gekümmert haben, mit denen sie von ihm gefüttert wurden. Hierfür benutzte er eine lange Greifzange, außerdem dicke lederne Handschuhe. Dies waren wichtige Schutzmaßnahmen, nachdem einige der Pflanzen so groß gewachsen waren, dass sie durchaus Verletzungen zufügen konnten. Deshalb standen sie auch nicht direkt am Weg sondern in den hinteren Bereichen des Gewächshauses.
Es gab eine Zeit in der hier bunte teils riesige Schmetterlinge in allen Farben des Regenbogens umherflatterten. Schildkröten bewegten sich gemächlich über den Boden, bannten sich ihren Weg von einer der zahlreichen Wasserstellen und kleinen Teiche zu nächsten. Der Ruf von verschiedensten Vögeln drang durch die Gewächshäuser, die durch kleinere Zugänge in den Höhen von einem zum nächsten Gewächshaus gelangten.
Es muss eine reine Wonne gewesen sein, in den Wintermonaten hier im Warmem zu sitzen, inmitten der Gewächse einen Blick nach draußen zu erhaschen und sei es nur über die kristallene Kuppel. Beim Blick nach oben den fallenden Schnee zu beobachten, dessen Kälte einem nichts anhaben konnte.
Das dritte Gewächshaus war stets nur wenigen erlaubt zu betreten. Denn hier befinden sich die gefährlichen, teils totbringenden Pflanzen, zusammengetragen aus vielen Ländern in ganz Myra. Für die Weisen Frauen war es früher ein Ort der Lehre, sie konnten experimentieren, Tränke brauen, Methoden der Haltbarmachung für verschiedene Gewächse und ihre Früchte testen. Hierfür gibt es dort eine gut ausgestattete Küche, einen riesigen alten Apothekerschrank, in dessen unzähligen Schubladen noch heute getrocknete, gedörrte, verschrumpelt aussehende Früchte, Blätter auf ihre Benutzung warten. Doch die Weisen Frauen haben schon lange keinen Zugang mehr zum Gewächshaus. Und so gerät das Wissen über die Kunst der gefährlichsten Tränke langsam in Vergessenheit. Denn in der Eile ihres damaligen unerwarteten Aufbruchs blieb ihr Buch mit all den Aufzeichnungen über ihre Experimente und Versuche im Gewächshaus liegen. Noch immer ist es auf der Seite der Alraune aufgeschlagen. Das letzte Experiment beschreibt die Halluzinationen der jungen Weisen Frau, die von der Alraune gekostet hatte. Es kursiert die Geschichte, dass sie im Gewächshaus zurückblieb, als die Weisen Frauen daraus flüchten mussten. Allein, der Vollmond über ihr, das flackernde Licht der vielen Kerzen um sich, begegnete sie ihren Dämonen, die sie solange schreiend im Garten des Wahnsinns umherirren ließen, bis die Alraune ihre volle Wirkung entfaltete und ihr alle Luft nahm. Ihr toter Körper umwachsen von giftigen Pilzen, umschlungen von Ranken, die sie immer mehr einschnürten. Inzwischen nur noch der Ring, von ihrer linken Hand, den ihr ihre Geliebte ansteckte, auf dem Boden zurückgeblieben.
„Saluta mortem quae te per has aulas vagari sinit“
Grüße den Tod der dich in diesen Hallen wandern lässt – steht auf der letzten Tür des dritten Gewächshauses, die zum Garten führt. Wer einen Schlüssel besitzt, denn zu dieser Tür wird wieder ein anderer Schlüssel benötigt, gelangt in einen ummauerten Teil des riesigen Garten des alten Anwesens und wird dort die Bekanntschaft seltener Lebewesen machen können, die nur die wenigsten Bewohnerinnen von Sandramoris jemals zu Gesicht bekommen werden.
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Re: Kultur aus Sandramoris, Was in den Wäldern lebt, Der schreiende Nebel

Beitrag von Crynn »

Was in den Wäldern lebt
Der schreiende Nebel

Der schreiende Nebel ist listig. Er hat die Eroberung seiner Opfer perfektioniert.
„Ich sehe dich kaum noch“ sagt die Mutter zu ihrem Kind, wenn ihre Sicht verschwimmt und sie noch denkt, ein gebrauter Trank könne dagegen helfen. Doch immer trüber wird ihr Blick, denn der Dampf ist in sie gekrochen.
„In meinem Kopf sind soviel Gedanken. Ich möchte schreien, um mir Luft davon zu verschaffen, doch es gelingt mir nicht“ Der schreiende Nebel hat sich der Frau bemächtigt. Ihre Gedanken bieten ihm Nahrung, er kriecht durch ihren Kopf, kostet dort vom Anblick ihrer Jugend, da vorne vom Bild ihres Erstgeborenen kurz nach der schmerzhaften Geburt, liebt den Moment in dem ihre Schreie in tiefe Liebe übergehen.
„Ich vergesse soviel“ sagt die alte Frau zu ihrer Tochter unter Tränen, denn was eben noch da war, ist nun verschwunden. Der Dunst hat sie gefressen, all ihre Erinnerungen an die schönen Momente ihres Lebens, die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, als sie mit ihrer großen Liebe im Gras hinter den zwei Türmen lag, ihr Herz so voller Glück, dass sie glaubte es könne zerspringen.
„Hat er einmal von deiner Seele Besitz ergriffen, wiegt er dich auf seinem Schoss, dann bist du des Todes. Kein Entkommen aus seinen Armen, die dich in Nebelschwaden hüllen, deinen Geist beherrschen, so dass du zu einer Puppe in seinen Händen wirst.“
„Lass uns die Glocken läuten, wenn der Dunst hervorkriecht an den Tagen der Nebelung“
Durch die Schwaden hörst du in der Ferne die Glocken. Du weißt, wenn du ihnen nur folgst, wirst du sicheren Schrittes nach Hause geleitet. Doch hüte dich vor den Schwaden die nach deinen Füssen greifen, deine Hände versuchen zu packen, deinen Kopf umschwirren. Sie suchen nur eine Stelle durch die sie in deine Gedanken vordringen können. Und sind sie einmal dort, ist es zu spät. Dann helfen auch die Klänge der mächtigsten Glocke nicht mehr. Der Nebelmann lässt niemals ab.
Er schreit mit vielen Stimmen. Er ist ein Verführer, der dich vom Weg abbringt, lockt dich zu seiner Höhle. Eine Zeit lang dienst du ihm als Spielzeug, denn es belustigt ihn, was du in deinem Kopf zu verstecken versuchst. Er wird es bekommen. Er bekommt es immer. So ist er gierig geworden nach immer neuem Spielzeug, Puppen, die er in seiner Höhle aufreiht. Bis er ihnen überdrüssig geworden ist, sie zerstört hat. Dann wirft er sie in den tiefen Schacht, von dem nicht einmal er weiß, wohin er führt.
Viele Jahre ward er nicht mehr gesehen. Die Weisen Frauen sind nicht sicher ob er weitergezogen ist. Sie suchen nach Zeichen seines Aufbruchs, nach Spuren in den Wäldern. Sie haben die Hoffnung er möge sich aufgemacht haben zu neuen Stätten. Zuviel Unheil hat er seit seinem Erscheinen über die Menschen in Sandramoris gebracht. Soviel Schmerz, Weinen in der Dunkelheit.
Die Warnungen bleiben bestehen, die Furcht vor den Tagen an denen Nebel aufsteigt. Die Glocken erklingen weiterhin. Gebete werden gesprochen. Auf dass die Ruhe bestehen bleibe. Auf dass er nie wiederkehren möge.
„Wir bitten um Geleit. Der schreiende Nebel lauert in der Dunkelheit. Lass nicht zu, dass er unserer habhaft wird. Beschütze die Wege unserer Kinder. Behüte die uns Anvertrauten. Lege deine Hände um unser aller Schultern, auf dass wir in Sicherheit deine Wege betreten.“
Crynn
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Re: Kultur aus Sandramoris- Avis Elabi

Beitrag von Crynn »

Avis Elabi
In den Wäldern lebt ein sonderbarer Vogel. Über die Jahrhunderte hat seine Art es immer besser gelernt sich der Umgebung anzupassen, was ihr Überleben sicherte.
Seine wahre Gestalt bleibt uns verborgen. Er kann sich mitten unter uns bewegen, ohne dass unser Auge ihn erkennt.
Seine Federn sind imstande die Farben der Umgebung anzunehmen. Wir hören seinen einzigartigen schrillen Ruf und dies auch nur dann, wenn er es will. Seine Flugbewegungen sind vielfältig, mal ist er langsam, fast wie in Zeitlupe, dann wieder erreicht er Geschwindigkeiten, die fast unmöglich scheinen.
Er ist als „der Wandelnde“ im Volksmund bekannt, manche bezeichnen ihn als den, der entkam. So ist er den Vogelkundigen als Avis Elabi bekannt.
Bei Feierlichkeiten ist er kein willkommener Gast. Durch die geschickte Tarnung kann er sich frei in festlich gedeckten Tafeln bewegen, hier etwas von einem Teller ziehen, dort das Tafelsilber um ein kleines Löffelchen erleichtern. Es gab schon Kunde von geplünderten Gartenbuffets, bei denen eine ganze Gruppe der Vögel die Leckereien verzehrte oder auch nach und nach davonschaffte.
Es herrscht die Annahme, dass seine Nachkommen in ihren ersten Monden noch nicht die Kunst der Anpassung entwickelt haben. Deshalb werden die Kleinen versteckt, über lange Zeit gefüttert und in der Tarnung unterrichtet. In den Tiefen der Wälder werden sie geschult, solange bis sie ihre Gestalt perfekt an ihre Umgebung anpassen können.
„Der Wandelnde begleite dich in deiner Stube, vom Anbeginn deiner Tage. Streue ihm Krümel deines Brotes aufs Fensterbrett. Lass ihn teilhaben an deinen Geschichten, deinen Träumen in den hellen Nächten des Sommers. Flüstere ihm die Geheimnisse deiner Jugend zu. Wenn er dich in sein Herz schließt, hast du einen Gefährten bis ans Ende deiner Zeit auf dieser Welt. Denn er ist treu. Er wacht über dich. Er schützt dich vor Gefahren. So wird er in deiner Nähe sein, bis der grosse Rabe dich nach Hause holt.“
Immer wieder haben Amazonen von Wandelnden erzählt, die ihre schützenden Federn über sie hielten. Auch wenn sie im Verborgenen blieben, gaben sie doch Zeichen, dass sie da waren, wenn sie einmal ihr Herz geschenkt hatten.
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