Eine Geschichte aus Sandramoris
Die Wolkenweberinnen
Die Wolkenweberinnen leben in einem geheimen riesigen Höhlensystem, im Hochland. Durch die Jahrhunderte, die sie, Generation für Generation, in der Dunkelheit verbracht haben, sind ihre Sinne schärfer geworden. Ihre Finger erspüren jede Unebenheit in ihrem Werkstück im Bruchteil einer Sekunde auf. Ihre Augen haben es gelernt die Schattenwelt wahrzunehmen, so dass sie imstande sind, mit den in den Höhlen lebenden Schattenwesen zu kommunizieren. Durch den Luftzug, der in die Höhlen dringt, erfahren sie, was in der Außenwelt vor sich geht. Ihr Geruchssinn hat sich optimiert, sie riechen den feuchten Regen, das sich ankündende schwere Sommergewitter, das knisternde Moos des Bodens. Jeden Schritt, der sich den Höhleneingängen nähert, nimmt ihr hochentwickeltes Gehör sofort wahr.
Sie haben ein raffiniertes Schutzsystem entwickelt. So sind sie bisher nie entdeckt worden.
Ihr ganzes Leben widmen sie der Erschaffung von magischen Wolken. Diese Wolken unterscheiden sich äußerlich kaum von anderen Wolken, sie sind imstande die unterschiedlichsten Formen anzunehmen, mit dem Wind zu ziehen, es regnen zu lassen.
Die magischen Wolken verfolgen Ziele, können Botschaften über weite Strecken übermitteln, Hoffnung erzeugen, Friedensverhandlungen unterstützen, Herzen öffnen.
Eine magische Wolke zu erschaffen, dauert unzählige Jahre. Es zählt zu einer der höchsten Handwerkskünste in Sandramoris. Das Geheimnis ihrer Herstellung bleibt in den Händen der Wolkenweberinnen.
Über die Jahrhunderte haben immer wieder feindliche Mächte versucht, die Weberinnen aufzuspüren, um ihnen das Geheimnis zu entreißen. Sie wissen nichts von der Widerstandskraft der Wolkenweberinnen. Von klein auf werden sie darauf trainiert das Geheimnis zu wahren, möglicher Folter zu widerstehen, im schlimmsten Fall das Geheimnis mit in den Tod zu nehmen.
Auch äußerlich unterscheiden sich die Wolkenweberinnen inzwischen von anderen menschlichen Wesen. Ihre Augen sind riesige schwarze Kugeln, die weit aus ihrem schmalen Kopf hervorragen. Ihre Ohren sind beweglich in alle Richtungen. Ihre Nase sieht aus wie ein kleiner Rüssel. Ihre Haare tragen sie lang, manchmal bleibt etwas von ihren Haaren im Werkstück zurück, das soll Glück bringen, sagen sie sich dann.
Die Wolkenweberinnen haben ihre Körpergröße jeweils an die Gegebenheiten unter Tage angepasst. In ihrem Zuhause gibt es riesige Höhlen, hoch wie eine Kathedrale. Genauso gibt es kleinste schmale Gänge, die nur kriechend durchquert werden können. Ihre unterschiedlichsten Größen zeugen von den Bereichen der Höhlen, in denen sie arbeiten (die meisten Wolkenweberinnen verbleiben nach ihrer Volljährigkeit in den Bereichen der Höhlen, in denen sie arbeiten und auch wohnen). Es gibt Wolkenweberinnen, die klein wie ein zweijähriges Menschenkind sind (wenngleich ihre Gestalt sich deutlich von diesen unterscheiden), andere sind 10 Meter groß, verfügen über mächtige Schwingen an ihren Schulterblättern, die sie hoch in die Lüfte der hohen Höhlen tragen können, damit sie den dortigen Probeflug der fast fertigen magischen Wolken überwachen und notfalls gleich vor Ort Verbesserungen vornehmen können.
In Sandramoris wissen nur eine Handvoll der weisen Frauen des Waldes Samala wie sie die Wolkenweberinnen erreichen können, um Bestellungen aufzugeben, Botschaften zu übermitteln. Sie erhalten dasselbe Training wie die Wolkenweberinnen, um das Geheimnis zu wahren.
So mögen die magischen Wolken weiter ihr friedfertiges Werk ausüben, unentdeckt in den Weiten des Himmels. Sie reihen sich ein in die unzähligen Wolkenformationen die über unser aller Köpfe ziehen, getrieben vom Wind, beschienen von den wärmenden Strahlen des Sonnenballs. Nachts wandeln sie zwischen den abertausenden von Sternen und glitzernden Gebilden des dunklen Firmaments, manchmal streift sie ein fliegendes Geschöpf und verharrt angesichts ihrer berührenden Schönheit, die nur wahrgenommen werden kann, wenn ein körperlicher Kontakt zustande kommt.
Die Wolkenweberinnen in Sandramoris
-
- Beiträge: 14
- Registriert: Sa Jul 19, 2025 6:33 pm