"Golden waren die Tage des alten Borgon-Dyl, und reich trugen die Felder des Landes Marmodyl, als Tayerta regierte, die Große, die Weise, letzter Sproß ihres Geschlechtes, aus dem schon viele Deye und mächtige Kriegsherren, Söhne und Töchter Borgons entsprungen waren.
Doch noch verwehrten die mächtigen Götter ihr eine Tochter für den Thron. Viele Geliebte und Gefährten hatte sie sich schon genommen, doch keiner vermochte, ihr eine Tochter, oder zumindest einen Sohn zu zeugen.
Und so wandte sie sich in ihrer Verzweiflung - denn schon dämmerte der Abend ihres Lebens heran und die Zeit der Unfruchtbarkeit nahte, an Dyalkhan, den mächtigsten alter Zauberer, und erbat seinen Rat.
Lange saß er ihr gegenüber in seiner Höhle, und lange schwieg der alte Mann, von dem die Legenden sagen, er sei ein Weiser der nicht sterben könne, solange seine Aufgabe nicht getan. Alt war nur sein Gesicht, seine Haare grau, aber seine Augen glühten mit der Kraft der Jugend, und er sprach: "So höre denn, Tayerta. Ich spreche im Namen derer, die über uns stehen, denn durch meinen Mund senden sie folgende Botschaft an dich:"Das Schicksal beschied, dass dein Geschlecht mit dir sterben sollte, dass enden sollte die Herrschaft der N’Righar, und mit dir fallen, das Reich in Dunkelheit, denn die Zeit dafür ist gekommen. Doch in deiner Weisheit und Güte hast du die Götter gerührt und sie erweisen dir die Gnade eines Kindes, einer Tochter, die dich an Namen, Glanz und Rang überstrahltes wird, und derer man sich erinnern wird - noch in vielen hundert Jahren.
So geh denn hin auf die Felder des Borgon, bekleidet nur mit einem roten Tuche und gürte dich mit einem einfachen Band um die Hüften. Dein Schwert soll das einfachste und schmuckloseste sein, und deine Haare und deine Füße unbedeckt. Wandere in den Wald von Kybarmyl und an die Ufer des Meeres.
Drei Mal wirst du einem Manne begegnen, dreimal wird er mit dir kämpfen und dich besiegen, und dann den Preis fordern. Dreimal wird er dich besitzen, doch erst dann wird er das Kind in dir zeugen. Nimm ihn zum Gefäfthten."
Und Tayerta tat, wie ihr geheißen wurde. Sie legte ihre Krone nieder und kleidete sich in ein rotes Tuch, das sie mit einem einfachen Band gürtete. Sie nahm das einfachste, schlechteste Schwert aus den Schmieden und ging zu den Feldern des Borgon, wartend und hoffend.
Nun aber hatten nicht die Götter aus des Weisen Mund gesprochen, sondern ihr Zorn, ein Dämon, der in den Herzen der Menschen wandelte. Und er wußte was zu tun, erschien im Traum einem jungen Manne, einem stattlichen, mächtigen Krieger, dem er folgenden Traum gab: Gehe hin und besiege die Frau im roten Tuch, die glaubt, dich besiegen zu können. Gehe hin und werfe sie in den Staub. Nehme sie dreimal dreimal und ich werde dir die Herrschaft geben über Borgon-Dyl."
Nun aber war dies Umtar n’Lluvans größter und wahrhaftigster Traum. Er wollte die unnatürliche Herrschaft eines Weibes über die tapferen Söhne Borgons enden, so wie es ihm seine Lehrmeister eingeprägt hatten. Ein Hyromtaon war er - Angehöriger einer Gemeinschaft von Kriegern, deren Mut unübertroffen war. Im Kampf schoren sie sich ihr Haar kurz, um Stierhelme zu tragen, und die meisten von ihnen waren von wahrhaft großer Gestalt. Ihre Waffen trugen sie in zwei Händen und zerschmetterten alles, was ihnen vor die Klingen kam.
Wann immer sich die Hyromtaon Weiber nahmen, so achteten sie darauf, dass diese sich ihnen unterwarfen…
Nun aber verdammten selbst die Priester Borgons diesen Orden, der die Gesetze von Freiheit und Ehre der Kinder des Gottes immer und immer wieder brachen, und so stand Umtar unter ihrem Bann.
Aber er trat wie geheißen auf die Felder des Borgon und focht mit dem Weibe im roten Gewand.
Hart war der Kampf, doch auch Tayerta war von Stärke und Mut beseelt, und obgleich ihre Waffe schwach war, hielt sie im lange stand, bis er ihr die Klinge aus den Händen schmetterte. Dann warf der Mann sie nieder, purpurnes Feuer waren seine Augen, und nahm sie - floh, als die Getreuen der Deye kamen, um zu sehen, was geschah.
Doch Tayerta verfolgte ihn, und noch zweimal kam es zum Kampfe, im Walde, und an der See. Doch beim dritten Mal hielt sie ihn fest und rief ihr Gefolge, verkündete ihnen allen, sie habe einen Gemahl gefunden, den sie, die Deye wünsche.
Umtar erkannte erst jetzt, wen er niedergeworfen hatte, und stimmte zu. Geduld war nun seine Stärke, wenn auch das Feuer der Gier und des Ehrgeizes immer mächtiger in ihm brannte. Lichtmond um Lichtmond verharrte er, sah den Leib der Deye wachsen - und seine Zeit gekommen, als Tayerta in der gleichen Stunde verschied, da sie ihrer Tochter das Leben schenkte.
"Nennt sie Shakirah!" vertraute Tayerta ihren Vertrauten Kejian n’Varthar und Shilaan n’Roya das Kind an. "Behütet sie mit eurem Leben und lehrt ihr alles, was sie wissen muß, um mir zu folgen! Denn nun, da ich die Schatten des Todes nahen sehe, erkenne ich, was ich getan habe. Den Hynakir habe ich auf den Thron gelassen... Schwere Zeiten werden anbrechen für die Söhne und vor allem die Töchter Borgons... aye, denn Umtar ist einer der Männer, die Borgons Speer folgen nicht seinem Schwert **!
Ich habe gefehlt, aber Borgon, Borgon, gib meiner Tochter die Kraft, diesen Fehler auszugleichen. Beschütze sie Keiiris, und lehre sie unser Leben! Verbergt sie, wenn es an der Zeit ist, Kejian und Shilaan, und laßt die Flamme nicht verlöschen...! Niemals ..."
Dann aber legte sich Tayerta zurück und starb.
Nachdem man sie zu Grabe getragen hatte im Tal der Königinnen kehrte Umtar zurück und ließ sich zum Regantor erheben. Drei Jahre regierte er im Namen seiner Tochter, dann aber brach er mit den alten Gesetzen und entriß den Hütern der Krone das Artefakt, und krönte sich selber damit.
Schwere Zeiten brachen an für jene, die den alten Gesetzen die Treue hielten. Umtar berief andere seines Ordens in die Ämter der Weisen und verdammte selbst den höchsten Priester des Borgon, Regnajhar n' Shar zu Folterqual, als dieser ihm den Treueeid verweigerte.
"Du, Umtar n’Lluvan, Frevler wieder die Götter, du bist kein Sohn Borgons mehr. Du folgst den Wegen der Dämonen, der Finsternis. Aye, jetzt, wo' ich sterbe, werden andere an meine Stelle treten, und für die Wahrheit«, das Leben und das Licht streiten... Und hüte dich - Umtar, dein Fleisch und Blut. Eine Tochter, gezeugt von deinem Samen wird dein Tod sein!"
Man sagt, Umtar habe den Priester ob dieses Fluches eigenhändig erschlagen, das Blut aber vermochte er nicht von der Klinge zu wischen, und so ließ er es mit dem Körper des Hohepriesters verscharren…
Nun aber fürchtete er trotz allem den Fluch, und ließ seine Tochter töten, bedurfte er ihrer doch nicht mehr.
Wie konnte er aber ahnen, dass Kejian und Shilaan das Kind fortgeschafft hatten, und Shilaan eine Frucht ihres eigenen Leibes dafür gab - ihre Tochter Yilna, nur Tage zuvor geboren, um Shakirah zu retten. Ein Getreuer hatte ihnen den Fluch des Priesters zugetragen und den Befehl Umtars, all seine Töchter zu töten, auch die, die er mit Sklavinnen gezeugt...
Shakirah wurde aufgezogen zwischen den Ebenen des Borgen, den Auen des Waldes und den Ufern des Meeres. Sie wuchs heran, und immer wieder erfuhr sie von ihrem Los, ihrer Aufgabe - und der Haß auf ihn... wuchs…
Die Jahre vergingen. Umtar regierte in seinem Sinne und knechtete das Volk, presste es aus, um seine Krieger zu rüsten und die Stämme der Grenze zu unterwerfen. Nur der Mann galt nun etwas, der ein wahrer Kämpfer war, und die Priester Borgons mußten seinem Worte lauschen.
Umtar nahm sich kein Weib. Eine Unzahl von Sklavinnen standen zu seinem Vergnügen bereit, und wann immer eine von ihnen eine Tochter gebar, wurde sie ihr genommen und Umtar erschlug es mit eigener Hand. So wenig galt ihm das Leben.
Schwer war es für alle in diesen Jahren, und die Felder verödeten, das Vieh darbte. Die Götter wandten sich ab von den Borgon-Dun, und viele verloren die Hoffnung.
Da aber wurde sie geweckt durch Gerüchte, dass die wahre Deye noch lebe, dass Shakirah herangewachsen war und nun ihre Getreuen um sich sammelte, um die Tyrannei des Usurpators zu enden.
In Umtar aber erwachte leise Furcht und er verstärkte den Druck auf das Volk, ließ jeden ergreifen und hinrichten, der wider ihn sprach.
Nun aber bewies er jedes halbe Jahr im Kampfe seine Eignung als König vor den Brüdern seines Ordens, und jeder, der wollte, trat gegen ihn an. Obgleich er sich nun fürchtete, tat er dies doch und befahl, dass ein jeder mit nacktem Oberkörper kämpfen müsse, um sich zu wappnen, zu wappnen vor Verrat...
Shakirah aber erfuhr davon. Das Ebenbild ihrer Mutter war sie nun nach zwanzig Jahren, stolz und schön, geschmeidig wie ein Goldwolf und kampfbereit wie ein Stier. Eine wahre Tochter Borgons.
Kejian und Shilaan hatten sie in allem unterwiesen, und weise Lehrmeister gefunden, die ihr das gaben, was sie der Deyamin nicht lehren konnten.
Shakirah hatte sich ihren Getreuen offenbart, und die Kunde verbreitete sich im Land, so dass die Schar ihrer Anhänger wuchs und wuchs.
Und die Zeit näherte sich, da ihre Stunde gekommen war. Mit List und Zauberei wollte sie zu ihm gelangen, und dann in ehrenhafter Weise ausfechten, was vor ihrer Geburt begannen hatte.
So wandte sie sich an Jaldyca, eine Weise Frau des Waldes, die ihr ein Blatt schenkte, und sprach:
"So lange du auf ihm kaust und es nicht ausspuckst werden die Menschen dich als das sehen, was du willst. Ja, auch als Mann, und dein soll der Schutz sein, solange du seiner bedarfst."
Shakirah nahm es, und mischte sich unter die Krieger, die ihren König herausfordern wollten, und wahrlich - großes erstaunen erweckte der schlanke Jüngling in dem blutroten Schurz, der alle Gegner niederwarf und sich die Ehre erwarb, gegen den König zu fechten.
Umtar lachte über den schwachen Jüngling. Aber schwach erschien er nur, denn sein Schlag war fest und hart, seine Bewegungen schnell und wendig. Umtar glaubte leichtes Spiel mit dem Herausforderer zu haben, doch dann sah er in die Augen des Jungen und erkannte in ihnen sich selbst!
Der Angrij*** traf ihn, einmal, zweimal, dreimal, und dann spuckte Shakirah das Blatt aus, und enthüllte sich ihm in ihrer wahren Gestalt. Schön wie eine wahre Tochter Borgons war das Mädchen mit den flammenden Augen, die die Farbe ihres Gewandes überstrahlten, und so sehr glich sie der Mutter, dass er erkannte, dass ihn sein Schicksal eingeholt hatte.
„Nein!" rief der Thronräuber und sammelte all seine Kraft, hieb auf die Tochter ein, die sein Ende sein sollte - doch das Schwert der Frau brach nicht. Sie widerstand ihm tapfer und stark, ihr Kampf aber gefiel Borgon, so dass er ihr den Sieg schenkte. Ein Heulen entrang sich Umtars Mund, als sich ihre Klinge in seine Brust bohrte und sein Herz durchstieß.
Doch noch war der Kampf nicht vorüber. Die Getreuen Umtars ergriffen ihre Schwerter und Äxte und drangen auf Shakirah ein, doch da traten die Anhänger der Deye dazwischen, die von Frauen eingelassen waren, und fochten mit ihnen. Jene, die sie nicht erschlugen vertrieben sie mit Familien und Dienerschaft aus dem Lande Marmodyl. Kejian jagte sie mit den tapfersten Reitern über Tage und Monde durch die Lande der Hellhäutigen und den Strom Corana hinauf, bis sie ihn überschritten, und man nie mehr etwas von den Überlebenden vernahm.
Shakirah aber ließ sich nicht eher zur Deye krönen, bis die Reste der Herrschaft ihres Vaters aus Organ-Dyl beseitigt waren, und die Not des Volkes gelindert. Erst dann ließ sie sich weihen und salben, nahm die Krone aus den Händen des Höchsten Borgons entgegen. Ihre Herrschaft wusch das Blut und die Pein bald wieder hinweg, und sie ehrte all jene, die in all den Jahren treu zu ihr gestanden hatten - Kejian n'Varthar, der zu ihrem Kriegsherrn, Borgajid genannt wurde, Shilaan, die ihr als Oberste der Beamten diente. Unter ihrer Herrschaft blühte Borgon-Dyl noch einmal auf, und sie gab den Menschen glückliche, friedliche Jahre.
Ihr Schoß aber blieb still, und niemals forderte Shakirah die Götter heraus, sich eine Tochter zu erbitten, wie ihre Mutter. Sie wußte, dass sie den Lauf der Zeit nicht aufhalten konnte und so tat sie alles, um dem Volke zu erleichtern, was sie erwartete. Ihre Herrschaft war lang und segensreich. Nach siebzig Jahren legte sie sich nieder und verschied friedlich und still, das Land denen überlassend, die sich nun über es stritten. Aber sie war die letzte des goldenen Zeitalters gewesen, eine große, tapfere und weise Deye. Eine, deren Namen auch noch in hunderten von Jahren genannt werden wird. Dies kann ich euch berichten - aus den Zeiten, da die Herrschaft des Schwertes durch die Botschaft des Blutes fiel, und das Schicksal mit der Menschen Los spielte…"
- Aus den Annalen des Dunklen Zeitalters, bewahrt in der Großen Bibliothek zu Organ-Dyl und erweitert von Aynecca y’Syhar im Jahre 411, nach den Aufzeichnungen im Grabe der Deye Shakirah im Tal der Königinnen. -
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* Hynakir: Ein gefährliches, wolfsähnliches Tier, das sich vor allem von sterbenden, krankenden und schwachen Getier ernährte. Es wurde inzwischen von den Bewohnern Torgan-Dyls ausgerottet. Ob es noch Exemplare dieser "Wolfshyäne" gibt, ist nicht sicher, zumal seit Jahren keines mehr gesehen wurde.
** ".. die Männer, die Borgons Speer folgen, nicht seinem Schwert": Bezeichnung für alle, die einer Irrlehre anhängen. Die Waffe Borgons ist das Schwert, denn der Nahkampf allein ist ihm würdig. Der Speer ist unehrenhaft für einen Krieger. Dieser Ausspruch zielt ebenfalls auf eine Legende. Der Speer deutet somit die dunkle, dämonische Seite an, die all seinen (Borgons) Prinzipien wiederspricht. (Interessanterweise deckt sich dieser Ausspruch, diese Legende mit den "Theorien einer sogenannten Götterlehre aus dem Lande Athanesia, in der Borgon mit einer Dämonin Nachkommen zeugte) ab, in der Borgon einer dämonischen Hexe verfiel und mehr mit seinem "Speer" dachte als seinem Schwert handelte und die Kinder Borgons ungeschützt ließ, was Keiiris verärgert sah, ihn aber nicht strafte, denn seine Scham war Strafe genug.
*** Angrij: Ein kurzer Stoßspeer, der aus einem massiven Holzstab besteht, an dem eine dünne Metallklinge befestigt ist. Man benutzt ihn, um damit in die ungeschützten Stellen des gegnerischen Körpers zu stechen (Gesicht, Arme, Kniekehlen und Hals). Auch ein Schild kann damit behindert werden.
Das Schwert der Herrschaft und die Botschaft des Blutes
- Gwynn
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