Die Stunde der Lija
Roona, Priesterin der Lija, in Antam, im Einhornmond 442 n.P.
Die Wagen von Perkeo, dem Zirkusdirektor, der sich Narrenkaiser nennen lässt und von den Schaustellern, die seinen Hofstaat bilden und die er seine Ministeriale nennt sind bunt bemalt. Den Wagen von Suz'Ann, meiner Schülerin und mir zieren Füchse, und so ist jedem, der das Zeichen kennt klar, was wir sind.
Unsere Zeit ist die kühle Stunde vor der Morgendämmerung, ehe das gleißende Gesicht Chnums herunterbrennt, die heilige Stunde Lijas. Suz'Ann steht gähnend neben mir. Mit einigen perlenden Tönen ruft meine Flöte aus dem Fahrenden Volk die Gläubigen, jene, welche die frühe Stunde lieben, die ein Anliegen haben, die Gemeinschaft suchen oder nicht schlafen können. Unser Weg führt durch das Dunkel hinunter in ein Lorbeerdickicht. Suz'Ann geht voran, sie sieht in der Finsternis gut. Sobald die Büsche uns Deckung geben lässt sie ein Licht erscheinen und setzt es auf ihre Schulter. Seit Menschengedenken ist sie die erster Priesterin, der Lija die Gnade gab Wunder zu wirken. Way'ay'man, dem starken Mann der Truppe macht den Schluss, lautlos schließt sich hinter ihm das Dickicht.
Wir gelangen zu einer versteckte Mulde mit geborstenem Mauerwerk und gefallenen Säulen. Kriege oder Zeiten haben ein Tempelgebäude zerstört, doch das nimmt dem Ort nichts von seiner Heiligkeit. Mit einer leichte Berührung Suz'Anns erfahren wir den Segen Lijas, der uns durch die tückischen Trümmer an sichere Plätze geleitet, an denen wir uns niederlassen können. Die Knie berühren sich, so eng ist die heilige Stelle. Das liebe Gefühl von Gemeinschaft, von sicherer Zuflucht im Dunkel stellt sich ein.
Wie von alleine kommen mir die vor Ewigkeiten und fern von hier gelernten Worte der Bitte um die Nähe Lijas über meine Lippen und wieder geschieht das Wunder, dass sich unsere Hände in der Finsternis sicher finden, wir einander Halt geben, während wir im Dunkel unsere Schwächen gestehen und unsere Bitten sagen. Ganz leicht streicht der Geruch nach Fuchs durch das Dickicht. Lija ist nah.
Wie immer bricht schließlich die Dämmerung an und im Tal unter den Lorbeerbäumen werden die Silhouetten der Gläubigen sichtbar. Wie stets, seit ich die Schausteller begleite, stimmt Way'ay'mans Bass schließlich das xyarische Lied vom Aufbruch der Hirten an, das irgendwie Teil und Abschluss des gemeinsamen Lijadienstes geworden ist. Suz'Anns junger Sopran, meine Altstimme, wir alle singen. Lijas Liturgie nimmt Fremdes auf und macht daraus vertrautes. Langsam trennen sich die Hände. Jemand hat über uns bunte Bänder in die Äste geknotet. Gläubige waren vor uns hier, andere werden kommen.
Langsam kehren wir ins Lager heim. Alltagsworte brechen die Weihestunde, Essensgerüche wehen heran, Marinadeministerial Pusta, genannt die Zunge macht Frühstück, die Schausteller bereiten ihren Tag vor. Ich höre Grüße und freundliche Worte. Suz'Ann gibt mir ihre Hand. Ich fühle mich daheim, so sehr daheim, wie eine Priesterin der Göttin des fahrenden Volkes daheim nur sein kann.