Eine Geschichte aus Sandramoris
Keijo und Freya
Keijo ist ein Dryade, mit einem Gewandt aus grünen ovalen Blättern, die seinen sehnigen Körper bedecken. Er hat ein schmales Gesicht, dunkle Augen, spitze Ohren. Wenn er lacht, zeigt er seine kleinen scharfen Zähne.
In tiefer Verbundenheit lebt er mit Freya, einer Buche, in Samala, dem Weisen Wald in Sandramoris.
Freya steht im ständigen Austausch mit unzähligen anderen Lebewesen in Samala, verbunden durch ein riesiges unterirdisches Netzwerk, das im Bruchteil von Sekunden Botschaften übermittelt.
Sie erzählt Keijo vieles davon, doch manche Dinge verschweigt sie dem Dryaden. Weiß sie doch um seine Empfindsamkeit, die er zu verbergen versucht. Nichts an seinem Äußeren deutet auf seine zerbrechliche Seele, seinen Hang zur Melancholie (besonders in den langen dunklen Wintermonaten), seinem Brüten über den Zustand des Waldes und die Bedrohungen die allgegenwärtig sind.
Keijo kann sich nicht zu weit von Freya entfernen, wie durch ein unsichtbares Band sind sie in Liebe aneinandergebunden. Sollte dem einen ein Leid geschehen, wird es auch das Ende der anderen sein.
In Samala, dem Weisen Wald in Sandramoris, geistert schon seit Jahrhunderten die Geschichte von Alva umher. Eine inzwischen wohl uralte Eiche, die vor sehr sehr langer Zeit ihre Dryadin namens Auri an ein dunkles Wesen verloren haben soll.
So groß war ihre Trauer und Wut, dass sie nicht etwa starb, wie es vorherbestimmt gewesen wäre, sondern in ihren Rachegedanken gefangen düstere Pläne schmiedete. Es wird sich erzählt, dass Alva einen Pakt mit dem Bösen schloss. Unsterblichkeit war ihr Geschenk und doch verlor sie alles, was sie jemals ausgemacht hatte.
Alva, die einst von tiefer Liebe zu Auri erfüllt gewesen war und deren Liebe von dieser mit aller Inbrunst ihres kleinen Herzens erwidert wurde, verwandelte sich.
Nur noch ferne Erinnerungen, die wie im Nebel verschwommen ab und zu aufblitzten, waren die Zeiten mit Auri: Wie sie bei Tagesanbruch gemeinsam den Stimmen des erwachenden Waldes lauschten, Auris zarter kleiner Körper in ihren kräftigen starken Armen. Wie sie nicht aufhören konnte, Auris überschäumende Energie zu bewundern, ihre fast kindliche Freude an den ersten Sonnenstrahlen am Morgen, die auf ihr Gesicht fielen. Wie Auri ihre Arme in den aufziehenden Sturm erhob und mit dem Wind vor wilder Freude schrie. Auri, die sich mit allen Lebewesen, die an ihnen vorbeizogen anzufreunden versuchte. Auri, die ihr Mut zuflüsterte, wenn sie müde wurde von den dunklen Geschichten, die als Botschaften über ihre Wurzeln durch ganz Samala zu ihr drangen. Auri, die in dieser kalten Nacht ein fremdes Wesen erblickte, dass ihr auf so grausame Art und Weise das Leben nahm.
Diese Alva, die Auri so bedingungslos geliebt hatte, gab es nicht mehr. Ein kaltes seelenloses Wesen war nach dem Pakt, von dem sie sich in all ihrem Hass und ihrer abgrundtiefen Traurigkeit soviel versprochen hatte, aus ihr hervorgetreten.
Freya hat Keijo niemals von dieser uralten Geschichte erzählt. Sie befürchtet, dadurch bei ihm neue Ängste oder Sorgen auslösen zu können. Zudem ist ihr kein Lebewesen in ganz Samala bekannt, das die Geschichte mit Beweisen belegen könnte.
Und doch träumt Freya manchmal von Alva und Auri. Sieht sie vor sich, lacht mit ihnen, weint ihre Tränen, wacht dann erschüttert auf, mit dem Bild von Auris kleinem zerschmetterten blutigen Körper vor Alvas Stamm. Eine wild aufsteigende Wut in sich spürend, die sich ihren Weg aus der Dunkelheit hinaus bannen will.
Freya weiß, dass diese Träume Vorboten sind. Sie weiß, dass sie Keijo nicht aus den Augen lassen darf, seine Wege begleiten, seine Seele bewahren, seinen Körper und Geist beschützen muss.
Die Liebe zwischen einem Baum und seinem Dryaden darf nie wieder zerbrochen werden.
Der Dryade Keijo und seine Liebste Freya
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