Die fliegenden Wächterinnen in Sandramoris
Der Pakt zwischen den Amazonen und den Raben wurde besiegelt in einer Vollmondnacht. Schon lange waren sie Verbündete gewesen im Kampfe, in der Verteidigung des Landes. Die Vögel hatten Kunde gebracht von sich nähernden Eindringlingen, sie begleiteten die Amazonen in die Schlacht, labten sich an den Körpern der Gefallenen.
Geschenke wurden in dieser Nacht übergeben. Die Kriegerinnen erhielten einen Mantel, bestehend aus übergroßen glänzenden Rabenfedern. Noch wussten sie nicht von dessen Macht, kannten seine Kräfte nicht. Die Federn stammten von den Körpern der riesigen Raben aus den Bergen.
In Geschichten wurde den Kindern von ihren Taten erzählt. Die Gütigen, die Weisen, die Sprechenden.
In der Stunde des Todes, so erzählte man sich, erscheint jeder sterbenden Amazone einer von ihnen. Breitet seine Flügel über ihrem schwächer werdenden Körper aus. Erzählt ihr von der Reise, die bevorsteht. Sie sieht in seine dunklen Augen, wenn sie ihren letzten Atemzug macht. Während die Menschen um sie herum weinen, spürt sie eine Wärme, ihr Herz schlägt langsamer, sie steigt auf den Rücken des Raben. Sein Gefieder ist weich unter ihren gerade noch zitternden jetzt ganz ruhigen Händen. Weit steigen sie auf in die Lüfte, sie sieht Sandramoris unter sich liegen, noch höher geht es, bis über die Wolken. Die Sonne küsst ihr Gesicht.
Der Mantel durfte zunächst nicht getragen werden. Er ruhte in einer hölzernen Truhe, mit kunstvollen Schnitzereien verziert.
Der Pakt lag schon viele Jahre zurück, da beschloss eine Amazone namens Roja die Truhe zu öffnen. Als sie den Deckel hob, klang eine Stimme in ihr Ohr. Sie musste den Mantel umlegen. Es gab keine andere Möglichkeit, fast war es, als wäre die Stimme plötzlich in ihrem ganzen Körper.
Niemand befand sich mit ihr im Raum, als sie den Rabenmantel aus der Truhe hob, ihn sich um die Schultern legte. Es war ihr, als wäre sie in eine zweite Haut geschlüpft. Die Federn bewegten sich mit ihrem Körper, wenn sie ihre Arme hob, blähte sich der Mantel auf. Die Stimme wurde jetzt immer lauter in ihr. Sie erzählte ihr von den Raben aus den Bergen. Sie weihte sie ein in uralte Rituale, verriet ihr Geheimnisse, die nie zuvor eine Amazone hatte erfahren dürfen.
In dem Moment verwandelte Roja sich. Äußerlich war davon nichts zu sehen, noch immer stand dort die große muskulöse Frau, deren linke Wange von einer langen roten Narbe gezeichnet war.
Roja nahm den Mantel mit sich. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu gehen. Jahre bewahrte sie ihn in ihrem Haus auf, in einem Zimmer, zu dem ihre Kinder keinen Zugang hatten.
Immer öfter kam es vor, dass sie nachts verschwand. Wenn sie in den frühen Morgenstunden zurückkehrte, war ihr langes schwarzes Haar zerzaust, ihre dunklen Augen leuchteten.
Ihren Töchtern fielen Veränderungen auf. Es schien ihnen, als würden die Finger ihrer Mutter länger werden, ihr ganzer Körper schien wendiger, geschmeidiger zu werden. Ihre Haare wurden voller, ihre Augen waren wie tiefe glänzende Seen.
„Du machst mir Angst“ Diese Worte ihrer jüngsten Tochter Odine hätten die frühere Roja tief getroffen. Die neue Roja lachte nur darüber. Sie wiegte Odine in ihren starken langen Armen. „Die Stunde rückt näher“ flüsterte sie ihr ins Ohr, bevor sie sich umdrehte und das Haus verließ.
Einige Tage später war es dann so weit. Odine hatte in dieser Nacht noch lange wach gelegen, sie machte sich Sorgen um ihre Mutter. Der Vollmond schien in ihr Zimmer. Als sie gerade ihre Augen schließen wollte, klopfte etwas an ihr Fenster. Odine erschrak, denn ihr Zimmer lag im ersten Stock des Hauses. Vorsichtig drehte sie sich zum Fenster um. Als sie dort nichts sah, stand sie auf. In dem Moment, als sie ihre Nase gegen die Scheibe drückte, erblickte sie die Augen ihrer Mutter. Nur waren sie viel kleiner, runder. Ein großer Rabe saß auf der Fensterbank, direkt vor ihr, mit seinem Schnabel pochte er ans Fenster. Odine wollte schreien, doch etwas in ihr sagte, dass ihr keine Gefahr drohte.
Der Rabe mit den Augen ihrer Mutter pochte wieder an ihr Fenster, kräftiger, beharrlicher.
Odine öffnete das Fenster. Der Rabe flog hinein, landete auf ihrer Schulter. Er flüsterte in ihr Ohr. Zunächst verstand sie ihn nicht. Mit der Zeit wurden die Worte deutlicher, ergaben Sinn. Odine erfuhr in dieser Nacht Dinge, die sie sich nie hatte vorstellen können, erhielt Einblick in eine Welt voller Schönheit.
„Die Stunde meines Abschiedes ist gekommen“. Der Rabe saß nun vor ihr auf der Fensterbank, eine lange rote Narbe auf seiner linken Wange. Die Tränen die Odine weinte, benetzten sein Gefieder als sie sich über ihn beugte um Abschied zu nehmen.
„Wisse, dass du nie allein sein wirst. Wisse, dass wir Raben wachen über euch Frauen. In der tiefsten Dunkelheit, in Stunden der Trauer, der Verzweiflung, immer werden wir bei euch sein. Nicht immer werdet ihr uns sehen können. Doch sei dir gewiss, dass Band im Pakt geflochten, wird niemals reißen. Unsere Verbindung wird ewig sein. Wenn dein Atem ein letztes Mal in diese Welt entweicht, meine geliebte Tochter Odine, werde ich dich in meinen Schwingen wiegen.“
Roja flog davon, das Geräusch ihres schimmernden Federkleides konnte Odine nie vergessen. So sehr sie ihre Mutter vermisste, so stark war auch ihr Glaube an die Worte ihrer Mutter. Die Gewissheit, sie wiederzusehen. Die Hoffnung, die sie ihr gegeben hatte.
Odine bewahrte das Geheimnis ihrer Mutter, sie schützte den Rabenmantel, wie ihre Mutter es ihr aufgetragen hatte. Sie wusste, dass die Zukunft der Amazonen eng mit den Raben verknüpft war, der Pakt durfte nicht gebrochen werden.
„Schwarze Augen, schwarze Schwingen. Laute die wie Worte klingen. Deine Seele wird sich laben, wenn du triffst auf deinen Raben“
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