Die Rose des Orients - eine Legende von Yhllgord

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Gwynn
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Die Rose des Orients - eine Legende von Yhllgord

Beitrag von Gwynn »

DIE ROSE DES ORIENTS

Von Kermal dem Älteren erzählt man sich, das er ein weitgereister Wanderer und erfahrener Seefahrer gewesen sei, der viele Länder dieser Welt gesehen hatte und dem auf seiner bald dreissigjährigen Hadith so manche Gefahr über den Weg gelaufen war, die er mit kühlem Kopf und starkem Arm stets zu meistern gewusst. Er war ein vielbelesener weiser Mann, doch hatte er auch in den freudvollen Dingen des Lebens reichlich Erfahrungen gesammelt, so das er manchem Herrscher ein intelligenter und feinsinniger Unterhalter war, als auch den Frauen ein angenehmer Gefährte bei der Nacht. Über all den Jahren in der Fremde vergass er aber nie das Ziel seiner Fahrt aus den Augen – die Suche nach seiner verlorenen Liebe und dennoch musste er sich am Abend seines Lebens eingestehen, das er versagt hatte und die Hadith ohne Erfolg verlaufen war.

Müde und verbittert kehrte er den fremden Ländern seinen Rücken und fuhr heim in sein Land, dessen Name heute nur mehr Legende ist.

Auf dem Wege in sein Heimatdorf gelangte Kermal der Ältere schliesslich mehr durch eine zufällige Begebenheit nach Fedimha, an den Hof des Padischah, wo er über alle Massen freundlich aufgenommen wurde, erzählten sich doch auch die Strassenprediger und Muezzine vom Lande des Propheten von den heldenmutigen Taten Kermals.

Die grossen Dunkelsonnenräder aus edlem Metall dröhnten ehrfurchtsvoll unter den Schlägen der silbernen Klöppel, und die dunkelhäutigen Sklaven warfen sich demütig zu Boden, nachdem sie den berühmten Al'Wateh (Wanderer) in die Halle von purem Gold geführt hatten, das doch von dem unsterblichen Ruhme des Padischah überstrahlt wurde.

Allein Kermal durfte bis unter den Falkenthron treten, und auch er kniete nieder und neigte sein Haupt vor dem allmächtigen Sohn der Sterne, dem weisen Herrn der Erde, gerechten Gebieter über ein Volk, das nach Millionen zahlte, und gnadenlosen Vernichter aller Feinde des einen, einzigen und wahren Glaubens an die Allmacht Ayillahs: Dem Scheikh von Akkadia und Khaurab, König der unterjochten Ländereien von Uegahpe, Afragonien und Mohkapur und Padischah von Fedimha, der glänzenden Perle der Wuste und Hauptstadt des Dunkelsonnenreiches. Scharf sind seine Augen und stark die Kraft seiner Lenden und ungezählt wie die Sterne am Himmel ist die Zahl seiner Söhne und Töchter, gelobt sei der Padischah und Ayillahs Lebensengel mögen ihm noch ein langes und ruhmvolles Leben bescheren!

Das ehrfürchtige Verhalten des Al'Wateh erweckte nun das Wohlwollen des Padischah, der sich mit wohlgemässigtem Schwung, wie es sich für einen göttlichen Herrscher in seiner Stellung geziemt, aus dem Throne erhob, ihn freundlich bei der Hand nahm und zu einem prächtigen Haufen seidiger Kissen und Diwane geleitete, welcher abseits der Halle von purem Gold in einem winzigen Saale von vieleicht vier Stadien zu finden war. Dort klatschte der Padischah in seine edlen Hände und sogleich erschien eine ganze Schar von Dienern, Sklaven und Leibbediensteten, und trugen an einer flachen diamantenen Tafel eine lange Folge von wahrhaft göttlichen Speisen und Getränken auf, wie sie Kermal der Altere selbst in den entferntesten und unzugänglichsten Orten dieser Welt, wo oftmals die sonderbarsten Mahlzeiten serviert wurden, niemals auch nur gesehen hatte.

Der Padischah aber fragte seinen berühmten Gast, ob ihm das bescheidene Mahl auch gut munde; und als dieser in vortrefflichen Worten seine Zustimmung ausdrückte und gleichzeitig versicherte, noch niemals zuvor habe er etwas vergleichbares geniessen dürfen, da lächelte der Padischah milde und kündigte ihm an, so werde er denn nun auch ein unvergleichliches Schauspiel erleben dürfen, das noch niemals zuvor eines Sterblichen Auge erblickt habe, womit er natürlich sich selbst, den Gottgleichen, davon ausnahm.

Und da, schon hatte sich die Dienerschaft aus dem Speisesaale zurückgezogen und der letzte der stummen Sklaven schloss die Flügel der edelsteinbesetzten Tür hinter sich ab. Augenblicke der atemlosen Stille schlossen sich an, und dann erschien... sie.

Sie - die Rose des Orients - ein Wesen von graziler Anmut, einzigartig in ihrer berauschenden Schönheit, unübertroffen in ihrer weiblichen Eleganz; auf geheimnisvolle, zeitlose Weise zugleich ein verzaubertes, unschuldiges Kind, als auch ein reifes Weib mit betörender Erfahrung, leuchtend und zugleich düster wie die Dunkelsonne selbst. Kein Dichter von dieser Welt schrieb jemals die Worte, die ihren bezaubernden Anblick in hinreichendem Masse dem Verstande eines Menschen nahebringen konnten. Keiner wird das Geheimnis ihrer überirdischen Eleganz jemals ergründen.

Während der Padischah, Mächtigster aller Mächtigen, Herr über Leben und Tod, mit dem kindlichen Stolz des Besitzers seine Blicke abwechselnd von ihrem sinnesverwirrenden Tanz zu seinem hingerissenen, in Selbstvergessenheit erstarrten Gast und wieder zurück gleiten liess, war Kermal der Ältere nicht fähig, auch nur einen kleinen Gedanken in der ihm sonst eigenen Klarheit zu fassen.

Wie zu Stein erstarrt, verfolgten nur seine Augen die geschmeidigen Schritte, die sinnlichen Gesten ihrer Hände und den lockenden Mund unter den verführerisch funkelnden Augen.

Und erst, da der Padischah mit der Hand ein Zeichen gab und die Rose des Orients in der gleichen versteckten Pforte verschwand, aus der sie zuvor aufgetaucht war, erst da löste sich die Erstarrung des Al'Wateh Kermal, und in einem winzigen Funken am Rande seiner Bewusstheit erkannte er, das er hier in Fedimha, am Hofe des Padischah, nachdem er schon alle Hoffnung hatte fahren lassen und seine Hadith als verloren aufgab, das Ziel seiner Reise, den geheimen Wunsch seiner Sehnsüchte und Träume, seine verlorene Liebe, in der unbeschreiblichen Schönheit der Rose des Orients wiedergefunden, und zugleich für immer verloren hatte; denn als Besitz des Padischah war sie wie ein Heiligtum der Dunkelsonne, an dem sich kein Sterblicher vergreifen durfte, wollte er nicht sein Leben und zugleich für immer seinen Platz in der Dschireth achtlos fortwerfen.

Doch verstand er es gut, seine aufgewühlten Empfindungen vor dem seelentiefen Blick des Padischah zu verbergen, und lies sich, nachdem er seinem Dank gebührend Ausdruck verliehen und unter Verbeugungen sich zurückgezogen hatte, seine Gemächer zeigen, alldieweil seine Gedanken sich noch immer nicht von den wenigen kostlichen Augenblicken ihres Tanzes trennen mochten.

Keine Ruhe fand Kermal der Altere auf seinem weichen Lager und keinen Schlaf, so das er noch in dieser Nacht, im Schutze der Schatten und der mondlosen Finsternis, heimlich zurückschlich in die Halle von purem Gold und dem danebenliegenden Speisesaale, wo er nach der versteckten Pforte suchte und diese alsbald an der Stelle fand, wo sich zwei Holzvertäfelungen zu einem kunstvollen Ornament verbanden. Ein Leichtes war es sodann, den schmalen Gang entlangzuhuschen, ohne ein unachtsames Geräusch zu verursachen, und den kostbaren Vorhang beiseite zu schlagen, der den Blick in das dahinterliegende enge Gemach verwehrte.

Ohne in seinen verwirrten Gedanken das Schicksal erfassen zu können, das ihm mit diesem frevlerischen Verrat ohne Zweifel drohte, drang er in die geheiligtste Stätte des Padischah ein. Und obwohl er gewiss war, keinen Laut und keinen verdächtigen Lärm von sich gegeben zu haben, fuhr doch die zarte Gestalt auf dem unbefleckten Lager aus sanftem Schlaf in die Höhe und sprang erschrocken auf, sogleich durch einen schmalen Durchlass zur linken Hand entschwindend. Allein, ihr erneuter Anblick entfachte in dem alten Manne ein nie gekanntes Feuer, das stärker war als alle Ängste vor den Folter­knechten und Hautabziehern von Fedimha, und so setzte er dem flüchtenden Wesen von Sanftmut und Schönheit im gleichen Momente nach.

Am Ende des Fluchtweges auf einer kleinen Terrasse von Marmor, wo eine grazil geschwungene Treppe in den blütenreichen, nachtschlafenden Garten hinabführte, holte er die Rose des Orients ein, ergriff sie an der Schulter, das sie erschrocken aufschrie, schloss sie auch sogleich in seine Arme und lies dann selbst einen unmenschlichen, gequälten Schrei hören, da seine Hände ins Leere glitten, indes er doch das zarte, vom Schrecken erfüllte Gesicht, den kleinen zitternden Körper, den vom Laufen erregten heissen Atem dicht vor sich gewahrte.

Silbrigweiss und durchscheinend wurde die stumme Schönheit in Kermals Armen, und abgrundtief das Entsetzen, das sich in sein Herz stahl, so stand er nun alleine auf der marmornen Terrasse. Zu unermesslichem Schrecken gar steigerte sich die Seelenpein, als sein irre gewordener Blick die Gestalt im wehenden Mantel erfasste, die jetzt auf der geschwungenen Treppe herangestürmt kam mit erhobenem Schwerte und einem Ruf der Vernichtung auf den Lippen. Und der zornige Blick aus den Falkenaugen dieses Edlen, den Augen des Padischah, die ihn auf seinen Platz bannten und reglos das Verderben erwarten liessen, war das letzte, das Kermal der Ältere in seiner diesseitigen Existenz erfuhr, bevor ein einziger Hieb in einem schmerzerfüllten Blitz ihn mitsamt seiner Seele vernichtete.



Darum hüte dich, oh Wanderer, vor der Rose des Orients, der Dunkelsonne aus der Wüste. Schön ist ihr Anblick und begehrlich ihr Leib, doch kein Sterblicher hat sie je zu Gesicht bekommen und ihr Geheimnis entschleiert, der danach noch davon berichten könnte, denn der Padischah selbst in seiner göttlichen Gewalt wacht mit eifersüchtigem Blick und unfehlbarem Schwert, dass ihre Unschuld für immer unberührt bleibe.

(Quelle: Bote von Yhllgord im Weltboten 89) - https://www.drivethrurpg.com/de/product/517449/myra-weltbote-wb89