von Merhan » So Jul 20, 2025 11:21 pm
Das Zeichen Hagal - Ende des Dachsmondes
Am Morgen ist Jortloo gesprächiger und seine Worte sind weniger kryptisch. Er möchte die Gruppe zur Hagal, zur Winterrune führen, einer Steinsetzung der Druiden und Schamanen Silurs, an der Ringstraße ein kurzes Stück voraus gelegen. Katuum hingegen, der in Jahrhunderten ungeheures Wissen angehäuft hat beschreibt Hagal als Frühlingsmonat und Festtag im fernen Land Aldodwereiya, wo beides mit einem Zeichen dreier, sich in der Mitte kreuzender Linien bezeichnet wird. Ihm sind Runen und Steinsetzungen als Werkzeuge der Magie wohl vertraut und er befragt Jortloo nach ihrer Bedeutung in Silur.
„Wir Silurer leben seit 400 Jahren hier und zwischen den Steinen und sie sind uns nach wie vor Rätsel, auch wenn wir Hinweise haben. Steinsetzungen haben aus sich heraus im ersten Jahrhundert nach Pondaron Silurer als Druiden und Schamanen initiiert und so mag eine ihrer Aufgaben die Weitergabe dieser Traditionen von Volk zu Volk sein, sogar dann, wenn es keine Unterweisung vom Lehrer zum Schüler gibt.“
„Silurer haben die Positionen der Steine vermessen und haben an ihnen Sonnen, Monde und Sterne gepeilt und Daten für die Auf- und Untergänge, für die Meridiandurchgänge der Gestirne darin gefunden. Aber die Steine sind rau, die Peilungen sind grob und unzuverlässig und mögen mehr Zufall sein und unsere Vorstellungen der Absicht der Erbauer spiegeln.“
„Ganz gewiss sind Menhire, Steinreihen, Steinkreise Stätten des Transits an andere Orte. Ob das nun Ebenen Silurs entsprechend den Lehren Vallö Kalundgrags sind oder nur auf anderen Wegen schwer zugängliche Täler nahebei, die einzelne Druiden durch einen Zauber „Steinerner Weg“, ähnlich dem bekannteren Zauber „Hölzerner Weg“ erreichen ist durchaus offen.“ Katuum, der Erzmagier nickt. Er ist einer der wenigen Myraweisen, die den mächtigen Teleportationszauber beherrschen. Mindere Varianten mögen verbreiteter sein.
„Stets ist es Sorge Silurs, dass sich Erdkraft und Fruchtbarkeit der Insel angesichts ihrer vielen Bewohner und ihrer zahlreichen Magienutzer erschöpfen. Steinsetzungen mögen den Verbrauch der Erdkraft mindern oder Erdkraft von weither anziehen. Entsprechende Vorgänge sind dokumentiert, aber im Detail rätselhaft.“
„Viele Druiden und Schamanen Silurs meinen, dass Steinkreise, Steinalleen und Menhire Silur mit einer jenseitigen Welt verbinden, deren Wandel sich dadurch auf das diesseitige Silur überträgt, es zerreißt und und öffnet und wieder schließt und neu verbindet. Auch wenn ihr gestern stets der Ringstraße gefolgt seid habt ihr einen Tobel betreten, den Wanderer vor und nach euch nicht gefunden haben, und der Straße folgend seid ihr heute wieder zwischen die Scharen der Pilger getreten, welche mit euch auf dem Weg zum Krangos sind.“
„Alle Weisen Silurs wissen, dass die Steinsetzungen mit den Adern Denas korrespondieren. Aber ob die Steine die Adern aufspannen oder ob sie vom Ersten Volk Silurs an den Kreuzungen der Adern errichtet worden sind ist durchaus ungewiss. Wir Silurer indes betrachten sie und fragen und forschen mit Freude.“ Berendor lacht, Ortloo schmunzelt, „Erkennen ist ein Prozess und kein Zustand“, bemerkt Katuum weise.
Sie erreichen Hagal in der Abenddämmerung. Aus dem Wald ins Freie tretend blicken sie einen steil abfallenden Hang hinab der in einer weiten Ebene ausläuft. Dort sind Steine in geraden Linien aufgestellt, drei Bündel bildend, die sich an einem exponierten Altarstein schneiden, ein Zeichen, ein Hagal. Die Straße überwindet das Gefälle in Serpentinen und schlägt einen weiten Bogen um das Monument. Pilger rasten an ihrem Rand. Zwischen den Steinen sind Männer und Frauen und Kinder, einige im angeregten Gespräch, einige gemeinsam singend, andere für sich alleine stehen auf den Horizont starrend oder auf Steinen sitzend, monotone Formeln rezitierend. Duftendes Räucherwerk brennt. Eine Gruppe schwingt Schellenkränze und bläst auf schrillen Pfeifen die typische Musik Silurs. Eine Frau in ihren besten Jahren und ein älterer Mann erkennen Jortloo und winken ihn und seine Begleiter zu sich.
Katuum hat das Treiben zwischen den Steinen aufmerksam gemustert und runzelt die Stirne: „Das mag der größte Ruf diesseitiger und jenseitiger Wesen seit dem Ende des Dunklen Zeitalters sein.“ „Ganz gewiss“, stimmt Jortloo mit Stolz in der Stimme zu: „Und sie werden alle kommen. Uns bleibt noch ein wenig Zeit bis Nachtfall und Mondaufgang. Darf ich euch Vigre Torland und Van Sverresgard vorstellen? Frau Torland ist höchstangesehen unter den Schamanen Silurs und Van Sverresgard ist Ulf da Kheitara der Hohen Kheitara von den Steinen auf dem Eiland Eron, oberster Druide Silurs.“
Die beiden sind über die Vorgänge in der fernen Kaiserstadt Chalkis, dem Amtssitz von Kaiser und Kaiserin und Heimat Berendors gut informiert: „Wir hörten, dass eine Kaiserliche Rechtsordnung geschrieben wird und alle Vernunftbegabten Wesen im Gebiet des Kaiserreiches Teil des Kaiserreiches sein sollen. Das ist schon für viele Menschen, die doch mit der Einordnung in eine Gesellschaft vertraut sind schwer zu akzeptieren. Wesen, denen schon der Begriff Gesellschaft fremd ist ist das unmöglich. Wenn aber der Anspruch erhoben wird, dass sie Teil des Kaiserreiches sind muss der Kaiser oder an seiner Statt sein Sohn sich ihnen stellen.“
Erzmagier Katuum konzentriert sich erneut und wirft einen langen Blick auf die die Steine welche die Rune Hagal formen: „Hier sind Wesen anwesend, in den meisten Teilen des Kaiserreiches würde man die Traumritter rufen sie zu vertreiben, in anderen gar nach mir verlangen, dass ich einschreite.“
Vigre Torland und Van Sverresgard warten auf die Entscheidung des Prinzen. „Es ist an mir zu gehen“, sagt er schließlich: „Das Kaiserreich hat einen Anspruch formuliert, den ich erfüllen muss. So wie mein Vater zur Eroberung von Caldûn selber in den Krieg gezogen ist muss ich als sein Nachfolger hier bestehen.“
Es ist Nacht geworden, doch am letzten Tage des Dachsmondes strahlt der Vollmond auf die Ebene, lässt die aufrechten Steine schwarze Schatten werfen. Mit einer leichten Verbeugung, so, wie man in Chalkis zum Tanz auffordert tritt schließlich Vigre Torland zu Berendor, und wie es das Protokoll verlangt nimmt Berendor mit einem Lächeln an und wie bei einem höfischen Ball setzt Musik ein, sobald sich Prinz und Partnerin gefunden haben. „Ein Tanz?“, fragt Berendor. „Ein Tanz“, bestätigt Vigre: „Was sonst?“
Die Musiker spielen mit Schellenkränzen und Seitpfeifen ein schnelles, rhythmisches Lied, in Chalkis würde man es eine Galoppade nennen, ein Lied, das zum Rennen und Springen auffordert, eher zur bäuerlichen Hochzeit auf der Tenne denn zum höfischen Ball im Festsaal passend, wo es gelegentlich zum Kehraus gespielt wird, wenn die Gäste trunken sind und die Förmlichkeiten des Tages fern.
Vigre umfasst Berendors Hüfte mit der Rechten und greift seine Linke und hinein geht es, entlang der Steinreihen, wo Mondlicht und Steinschatten wechseln. Die zwei sind das einzige Tanzpaar im Saale Hagal. Doch zwischen den Steinen warten hunderte Wesen, kleine und winzige, Mäuse und Schlangen, die gewandt zwischen den Schritten des Tanzpaare hindurchhuschen, Katzen, geflügelte gar, die sich auf den Steinen strecken, Libellen und Schmetterlinge, die den Tänzern fliegend das Geleit geben. Berendor hört den schnellen Atem seiner Partnerin, spürt ihre gewandten Bewegungen, wie er sie durch die Steine führt.
Sein Tanzpartner wechselt. Nun ist Van Sverresgard, der Druide, der ihn führt. Sein Tanz ist bestimmt und förmlich, führt ihn dicht an Wesen heran, wie sie wohl überall im Kaiserreich von den Bauern gehalten werden, schwarz im Schatten, grau im Mondlicht, Ziegen und Schafen, wie sie in Silur weit verbreitet sind und unruhig Pferde und die riesigen, sanften Markenrinder, die er in Cryon bewundern durfte. Moment. Soll er hier als Fürst des Viehs eingeführt werden?
Während er sich noch wundert wechselt sein Partner wieder. Nun ist es eine junge Frau, die nicht mehr als einen weiten Lederkragen und einen Lederschurz trägt, deren Fuchsohren aus einer komplizierten, in vielen Strähnen fallenden Flechtfrisur ragen. Sie lacht, als sie ihn zu gewagteren Schritten verführt, dicht an den Wesen der silurischen Fauna vorbei. Flüchtig sieht er die wilden Echsen Callens, er streift das Gefieder von Andus und Flamingos, Honigbären mustern ihn träge. Während eine Bande von Rotkattas sie spielerisch verfolgt streift er Schuppen und Federn und Fell. Ein Parder schlägt mit der Tatze nach ihm, doch sie sind schon weiter getanzt.
Erneut wechselt sein Partner, ein jüngerer Bruder oder vielleicht ein Zwilling der jungen Frau, die gleichen Fuchsohren, die gleiche Frisur, die gleiche Kleidung. Zwischen den Tieren sieht Berendor nun menschenähnliche Wesen, die mit eigenen Instrumenten die Musik der Silurer aufnehmen, mit Fiedeln, Lauten und Flöten den groben, stampfenden Rhythmus der Menschen mit Finesse und Kunst umspielen. Berendor erkennt Dryaden und Faune, Wesen aus der Feenwelt, die ein paar Schritte neben ihnen tanzen und dann zurückbleiben.
Dann tritt eine Dryade zu ihnen, gibt seinem Partner einen Kuss und während der noch verwirrt stehen bleibt hat sie schon Berendors Hand ergriffen und zieht ihn mit sich fort. Sie gibt einen anderen Schritt vor, der besser zu den kunstfertigen Klängen der Nichtmenschen passt. „Du wirst eine Zeit lang und einen Raum groß tapfer sein“, flüstert sie ihm ins Ohr. Berendor nickt. Er ist entschlossen, sich zu bewähren und dem Kaiserreich Ehre zu machen. Über die grüne Schultern der Dryade blickend, ihre Rankenhaare beiseite streichend meint er zu sehen, wie Steine und Boden und Luft, wie Silur selbst lebendig wird. Sind es Moosflecken und Schatten oder sind es Augen, mit denen die Menhire ihn mustern? Sind es Böen oder ist es der Atem des Windes der ihn streift? Ist es feiner, duftender Nebel oder sind es die kühlen Hände des Wassers die ihn streicheln? Sind es seine Sprünge oder ist es der Boden selber, der ihn in die die Höhe wirft? Die Dryade löst ihren Griff und treibt davon, nur einen Moment bleibt ihr Lächeln und ihr Winken.
Berendor schreckt auf. Er hat seine Partnerin im Tanze, seine Führerin verloren. Und der Boden ist fort und Hagal und all die Wesen zwischen den Steinen, und selbst die Gestirne sind fort. Keine Richtungen mehr, kein Oben und kein Unten und alles was ist ist schwach glimmender, gestaltloser Nebel. Ein erschreckendes Gefühl des Fallens im Nichts lässt seinen Magen, seine Glieder verkrampfen. Das muss das Nichts sein, in dem die Götter Myra schufen.
Dann spürt er sanfte Festigkeit an Bauch und Brust, Armen und Beinen. Oben und Unten sind zurück. Er liegt auf einer leicht gewölbten Scheibe aus Horn, dem Rückenpanzer einer gewaltigen Schildkröte. Der schimmernde Nebel verdichtet sich, lässt sternige Schwärze zurück während er zu einem echsigen Wesen kristalliert, das sich an ihn schmiegt, seinen Atem trinkt, ihn seinen Atem kosten lässt.
Dann ist der Rücken der Schildkröte der raue Altarstein in der Mitte der Rune Hagal und das schimmernde, echsische Wesen Vollmondlicht und seine Berührung die tastenden Hände von Katuum und Gräfin Helne, die Puls und Atmung prüfen und sich vergewissern, dass der Prinz unversehrt ist.
Die Begleiter von König Katuum führen ihn zu einem Lagerplatz abseits von Hagal, mit schützender Distanz zur ungezügelten Magie der Silurer. Katuum selber spricht Schutz- und Bannzauber. Gräfin Helne ist verlegen und entschuldigt sich immer wieder aufs neue für das wilde Treiben der Druiden und Schamanen Silurs. Wenn sie sagt, dass ganz gewiss keine Gefahr bestanden habe klingt es, als ob sie sich selber vergewissern will.
Berendor ist schweigsam. Der Tanz, die Wesen, ihre Berührungen, das Nichts, das Jenseits, Schildkröte und Echse klingen in seiner Seele nach. Erzmagier Katuum drängt ihn, seine Erlebnisse genau zu schildern. „Mein Kollege Vallö Kalundgrag hat vor Jahrzehnten auf dem Magiertreffen von Silur einen Vortrag über jenseite Ebenen Silurs gehalten. Vielleicht seid ihr dorthin geführt worden. Es mag aber auch nichts als Sinnestäuschung, Illusion und Rausch sein.
„Würde man mich nun als Kaiser über Tiere, Dryaden und Faune, über die Elemente und Jenseitigen Sphären akzeptieren?“ will Berendor wissen. „Vielleicht als Kaiser für all das“, antwortet Katuum.
[b]Das Zeichen Hagal - Ende des Dachsmondes[/b]
Am Morgen ist Jortloo gesprächiger und seine Worte sind weniger kryptisch. Er möchte die Gruppe zur Hagal, zur Winterrune führen, einer Steinsetzung der Druiden und Schamanen Silurs, an der Ringstraße ein kurzes Stück voraus gelegen. Katuum hingegen, der in Jahrhunderten ungeheures Wissen angehäuft hat beschreibt Hagal als Frühlingsmonat und Festtag im fernen Land Aldodwereiya, wo beides mit einem Zeichen dreier, sich in der Mitte kreuzender Linien bezeichnet wird. Ihm sind Runen und Steinsetzungen als Werkzeuge der Magie wohl vertraut und er befragt Jortloo nach ihrer Bedeutung in Silur.
„Wir Silurer leben seit 400 Jahren hier und zwischen den Steinen und sie sind uns nach wie vor Rätsel, auch wenn wir Hinweise haben. Steinsetzungen haben aus sich heraus im ersten Jahrhundert nach Pondaron Silurer als Druiden und Schamanen initiiert und so mag eine ihrer Aufgaben die Weitergabe dieser Traditionen von Volk zu Volk sein, sogar dann, wenn es keine Unterweisung vom Lehrer zum Schüler gibt.“
„Silurer haben die Positionen der Steine vermessen und haben an ihnen Sonnen, Monde und Sterne gepeilt und Daten für die Auf- und Untergänge, für die Meridiandurchgänge der Gestirne darin gefunden. Aber die Steine sind rau, die Peilungen sind grob und unzuverlässig und mögen mehr Zufall sein und unsere Vorstellungen der Absicht der Erbauer spiegeln.“
„Ganz gewiss sind Menhire, Steinreihen, Steinkreise Stätten des Transits an andere Orte. Ob das nun Ebenen Silurs entsprechend den Lehren Vallö Kalundgrags sind oder nur auf anderen Wegen schwer zugängliche Täler nahebei, die einzelne Druiden durch einen Zauber „Steinerner Weg“, ähnlich dem bekannteren Zauber „Hölzerner Weg“ erreichen ist durchaus offen.“ Katuum, der Erzmagier nickt. Er ist einer der wenigen Myraweisen, die den mächtigen Teleportationszauber beherrschen. Mindere Varianten mögen verbreiteter sein.
„Stets ist es Sorge Silurs, dass sich Erdkraft und Fruchtbarkeit der Insel angesichts ihrer vielen Bewohner und ihrer zahlreichen Magienutzer erschöpfen. Steinsetzungen mögen den Verbrauch der Erdkraft mindern oder Erdkraft von weither anziehen. Entsprechende Vorgänge sind dokumentiert, aber im Detail rätselhaft.“
„Viele Druiden und Schamanen Silurs meinen, dass Steinkreise, Steinalleen und Menhire Silur mit einer jenseitigen Welt verbinden, deren Wandel sich dadurch auf das diesseitige Silur überträgt, es zerreißt und und öffnet und wieder schließt und neu verbindet. Auch wenn ihr gestern stets der Ringstraße gefolgt seid habt ihr einen Tobel betreten, den Wanderer vor und nach euch nicht gefunden haben, und der Straße folgend seid ihr heute wieder zwischen die Scharen der Pilger getreten, welche mit euch auf dem Weg zum Krangos sind.“
„Alle Weisen Silurs wissen, dass die Steinsetzungen mit den Adern Denas korrespondieren. Aber ob die Steine die Adern aufspannen oder ob sie vom Ersten Volk Silurs an den Kreuzungen der Adern errichtet worden sind ist durchaus ungewiss. Wir Silurer indes betrachten sie und fragen und forschen mit Freude.“ Berendor lacht, Ortloo schmunzelt, „Erkennen ist ein Prozess und kein Zustand“, bemerkt Katuum weise.
Sie erreichen Hagal in der Abenddämmerung. Aus dem Wald ins Freie tretend blicken sie einen steil abfallenden Hang hinab der in einer weiten Ebene ausläuft. Dort sind Steine in geraden Linien aufgestellt, drei Bündel bildend, die sich an einem exponierten Altarstein schneiden, ein Zeichen, ein Hagal. Die Straße überwindet das Gefälle in Serpentinen und schlägt einen weiten Bogen um das Monument. Pilger rasten an ihrem Rand. Zwischen den Steinen sind Männer und Frauen und Kinder, einige im angeregten Gespräch, einige gemeinsam singend, andere für sich alleine stehen auf den Horizont starrend oder auf Steinen sitzend, monotone Formeln rezitierend. Duftendes Räucherwerk brennt. Eine Gruppe schwingt Schellenkränze und bläst auf schrillen Pfeifen die typische Musik Silurs. Eine Frau in ihren besten Jahren und ein älterer Mann erkennen Jortloo und winken ihn und seine Begleiter zu sich.
Katuum hat das Treiben zwischen den Steinen aufmerksam gemustert und runzelt die Stirne: „Das mag der größte Ruf diesseitiger und jenseitiger Wesen seit dem Ende des Dunklen Zeitalters sein.“ „Ganz gewiss“, stimmt Jortloo mit Stolz in der Stimme zu: „Und sie werden alle kommen. Uns bleibt noch ein wenig Zeit bis Nachtfall und Mondaufgang. Darf ich euch Vigre Torland und Van Sverresgard vorstellen? Frau Torland ist höchstangesehen unter den Schamanen Silurs und Van Sverresgard ist Ulf da Kheitara der Hohen Kheitara von den Steinen auf dem Eiland Eron, oberster Druide Silurs.“
Die beiden sind über die Vorgänge in der fernen Kaiserstadt Chalkis, dem Amtssitz von Kaiser und Kaiserin und Heimat Berendors gut informiert: „Wir hörten, dass eine Kaiserliche Rechtsordnung geschrieben wird und alle Vernunftbegabten Wesen im Gebiet des Kaiserreiches Teil des Kaiserreiches sein sollen. Das ist schon für viele Menschen, die doch mit der Einordnung in eine Gesellschaft vertraut sind schwer zu akzeptieren. Wesen, denen schon der Begriff Gesellschaft fremd ist ist das unmöglich. Wenn aber der Anspruch erhoben wird, dass sie Teil des Kaiserreiches sind muss der Kaiser oder an seiner Statt sein Sohn sich ihnen stellen.“
Erzmagier Katuum konzentriert sich erneut und wirft einen langen Blick auf die die Steine welche die Rune Hagal formen: „Hier sind Wesen anwesend, in den meisten Teilen des Kaiserreiches würde man die Traumritter rufen sie zu vertreiben, in anderen gar nach mir verlangen, dass ich einschreite.“
Vigre Torland und Van Sverresgard warten auf die Entscheidung des Prinzen. „Es ist an mir zu gehen“, sagt er schließlich: „Das Kaiserreich hat einen Anspruch formuliert, den ich erfüllen muss. So wie mein Vater zur Eroberung von Caldûn selber in den Krieg gezogen ist muss ich als sein Nachfolger hier bestehen.“
Es ist Nacht geworden, doch am letzten Tage des Dachsmondes strahlt der Vollmond auf die Ebene, lässt die aufrechten Steine schwarze Schatten werfen. Mit einer leichten Verbeugung, so, wie man in Chalkis zum Tanz auffordert tritt schließlich Vigre Torland zu Berendor, und wie es das Protokoll verlangt nimmt Berendor mit einem Lächeln an und wie bei einem höfischen Ball setzt Musik ein, sobald sich Prinz und Partnerin gefunden haben. „Ein Tanz?“, fragt Berendor. „Ein Tanz“, bestätigt Vigre: „Was sonst?“
Die Musiker spielen mit Schellenkränzen und Seitpfeifen ein schnelles, rhythmisches Lied, in Chalkis würde man es eine Galoppade nennen, ein Lied, das zum Rennen und Springen auffordert, eher zur bäuerlichen Hochzeit auf der Tenne denn zum höfischen Ball im Festsaal passend, wo es gelegentlich zum Kehraus gespielt wird, wenn die Gäste trunken sind und die Förmlichkeiten des Tages fern.
Vigre umfasst Berendors Hüfte mit der Rechten und greift seine Linke und hinein geht es, entlang der Steinreihen, wo Mondlicht und Steinschatten wechseln. Die zwei sind das einzige Tanzpaar im Saale Hagal. Doch zwischen den Steinen warten hunderte Wesen, kleine und winzige, Mäuse und Schlangen, die gewandt zwischen den Schritten des Tanzpaare hindurchhuschen, Katzen, geflügelte gar, die sich auf den Steinen strecken, Libellen und Schmetterlinge, die den Tänzern fliegend das Geleit geben. Berendor hört den schnellen Atem seiner Partnerin, spürt ihre gewandten Bewegungen, wie er sie durch die Steine führt.
Sein Tanzpartner wechselt. Nun ist Van Sverresgard, der Druide, der ihn führt. Sein Tanz ist bestimmt und förmlich, führt ihn dicht an Wesen heran, wie sie wohl überall im Kaiserreich von den Bauern gehalten werden, schwarz im Schatten, grau im Mondlicht, Ziegen und Schafen, wie sie in Silur weit verbreitet sind und unruhig Pferde und die riesigen, sanften Markenrinder, die er in Cryon bewundern durfte. Moment. Soll er hier als Fürst des Viehs eingeführt werden?
Während er sich noch wundert wechselt sein Partner wieder. Nun ist es eine junge Frau, die nicht mehr als einen weiten Lederkragen und einen Lederschurz trägt, deren Fuchsohren aus einer komplizierten, in vielen Strähnen fallenden Flechtfrisur ragen. Sie lacht, als sie ihn zu gewagteren Schritten verführt, dicht an den Wesen der silurischen Fauna vorbei. Flüchtig sieht er die wilden Echsen Callens, er streift das Gefieder von Andus und Flamingos, Honigbären mustern ihn träge. Während eine Bande von Rotkattas sie spielerisch verfolgt streift er Schuppen und Federn und Fell. Ein Parder schlägt mit der Tatze nach ihm, doch sie sind schon weiter getanzt.
Erneut wechselt sein Partner, ein jüngerer Bruder oder vielleicht ein Zwilling der jungen Frau, die gleichen Fuchsohren, die gleiche Frisur, die gleiche Kleidung. Zwischen den Tieren sieht Berendor nun menschenähnliche Wesen, die mit eigenen Instrumenten die Musik der Silurer aufnehmen, mit Fiedeln, Lauten und Flöten den groben, stampfenden Rhythmus der Menschen mit Finesse und Kunst umspielen. Berendor erkennt Dryaden und Faune, Wesen aus der Feenwelt, die ein paar Schritte neben ihnen tanzen und dann zurückbleiben.
Dann tritt eine Dryade zu ihnen, gibt seinem Partner einen Kuss und während der noch verwirrt stehen bleibt hat sie schon Berendors Hand ergriffen und zieht ihn mit sich fort. Sie gibt einen anderen Schritt vor, der besser zu den kunstfertigen Klängen der Nichtmenschen passt. „Du wirst eine Zeit lang und einen Raum groß tapfer sein“, flüstert sie ihm ins Ohr. Berendor nickt. Er ist entschlossen, sich zu bewähren und dem Kaiserreich Ehre zu machen. Über die grüne Schultern der Dryade blickend, ihre Rankenhaare beiseite streichend meint er zu sehen, wie Steine und Boden und Luft, wie Silur selbst lebendig wird. Sind es Moosflecken und Schatten oder sind es Augen, mit denen die Menhire ihn mustern? Sind es Böen oder ist es der Atem des Windes der ihn streift? Ist es feiner, duftender Nebel oder sind es die kühlen Hände des Wassers die ihn streicheln? Sind es seine Sprünge oder ist es der Boden selber, der ihn in die die Höhe wirft? Die Dryade löst ihren Griff und treibt davon, nur einen Moment bleibt ihr Lächeln und ihr Winken.
Berendor schreckt auf. Er hat seine Partnerin im Tanze, seine Führerin verloren. Und der Boden ist fort und Hagal und all die Wesen zwischen den Steinen, und selbst die Gestirne sind fort. Keine Richtungen mehr, kein Oben und kein Unten und alles was ist ist schwach glimmender, gestaltloser Nebel. Ein erschreckendes Gefühl des Fallens im Nichts lässt seinen Magen, seine Glieder verkrampfen. Das muss das Nichts sein, in dem die Götter Myra schufen.
Dann spürt er sanfte Festigkeit an Bauch und Brust, Armen und Beinen. Oben und Unten sind zurück. Er liegt auf einer leicht gewölbten Scheibe aus Horn, dem Rückenpanzer einer gewaltigen Schildkröte. Der schimmernde Nebel verdichtet sich, lässt sternige Schwärze zurück während er zu einem echsigen Wesen kristalliert, das sich an ihn schmiegt, seinen Atem trinkt, ihn seinen Atem kosten lässt.
Dann ist der Rücken der Schildkröte der raue Altarstein in der Mitte der Rune Hagal und das schimmernde, echsische Wesen Vollmondlicht und seine Berührung die tastenden Hände von Katuum und Gräfin Helne, die Puls und Atmung prüfen und sich vergewissern, dass der Prinz unversehrt ist.
Die Begleiter von König Katuum führen ihn zu einem Lagerplatz abseits von Hagal, mit schützender Distanz zur ungezügelten Magie der Silurer. Katuum selber spricht Schutz- und Bannzauber. Gräfin Helne ist verlegen und entschuldigt sich immer wieder aufs neue für das wilde Treiben der Druiden und Schamanen Silurs. Wenn sie sagt, dass ganz gewiss keine Gefahr bestanden habe klingt es, als ob sie sich selber vergewissern will.
Berendor ist schweigsam. Der Tanz, die Wesen, ihre Berührungen, das Nichts, das Jenseits, Schildkröte und Echse klingen in seiner Seele nach. Erzmagier Katuum drängt ihn, seine Erlebnisse genau zu schildern. „Mein Kollege Vallö Kalundgrag hat vor Jahrzehnten auf dem Magiertreffen von Silur einen Vortrag über jenseite Ebenen Silurs gehalten. Vielleicht seid ihr dorthin geführt worden. Es mag aber auch nichts als Sinnestäuschung, Illusion und Rausch sein.
„Würde man mich nun als Kaiser über Tiere, Dryaden und Faune, über die Elemente und Jenseitigen Sphären akzeptieren?“ will Berendor wissen. „Vielleicht als Kaiser für all das“, antwortet Katuum.