Kultur aus Silur

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Merhan
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Registriert: Do Aug 08, 2024 9:56 pm

Re: Kultur aus Silur

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Das Kindertotenhaus - Ende des Adlermondes

Am Mittag des Folgetages klart es auf. Mit dem Wind lässt auch die Kälte nach und die Luft hat plötzlich jene göttliche Klarheit, die man gelegentlich im Hochgebirge findet. Die umliegenden Gipfel, ja der ferne Bel- Arad scheinen zum Greifen nahe. Ihrem Führer, dem Traumritter Estel Eisendraht ist die Erleichterung anzusehen. Bei gutem Wetter werden sie Orsos schnell und gefahrlos erreichen. Prinz Berendor erspäht auf einem nahen Felsbuckel ein kleines Steinhaus. Überrascht fragt er Estel Eisendraht nach dem Gebäude.
„Das ist ein Kindertotenhaus“, antwortet der Traumritter bedrückt. Der Prinz blickt ihn ratlos an. „Vielleicht sollten wir es aufsuchen. Es mag euch zu denken geben“, ergänzt Estel.
Eine kurze Kletterpartie bringt sie auf die Kuppe mit dem Haus. Es ist nur zwei auf zwei Schritt groß, schlicht und sorgfältig aus dem anstehenden Stein gemauert. Näherkommend sehen sie einen Eingang ohne Türe und ein Fenster, das zum Bel- Arad geht. „Da ist jemand drinnen“, erkennt Berendor und deutet auf eine kleine Gestalt, die reglos auf einer steinernen Bank sitzt. „Hier?“
Estel Eisendraht ist zum Prinzen getreten und liest für ihn die Runeninschrift auf dem Türsturz: „DINAND WACHT FÜR EUCH“. „Dinand?“, spricht Berendor den Wächter an. „Er wird euch nicht hören“, erklärt ihm der Traumritter traurig: „Er ist seit Jahrhunderten tot. Das Erste Volk Silurs, das lange vergangen ist hat vor Pondaron dieses Haus und dutzende weiterer gebaut. Kindertotenhäuser. Wir heutige glauben, dass sie das Kostbarste opferten, was sie hatten. Ihre Kinder. Die Kälte hat sie bewahrt und so wachen sie noch heute.“
Prinz Berendor ist empört: „Das ist entsetzlich! Wie konnten sie?“ Estel Eisendraht antwortet ernst: „Was wollt ihr opfern denn das Allerkostbarste wenn die Not groß ist und euer Glaube an die Götter fest? Gold?“
„Wir Silurer glauben, dass schon das Erste Volk, unsere Vorgänger die Pflicht hatte den Lavadienern zu helfen das Tor im Bel- Arad geschlossen zu halten und alle ihre Kindertotenhäuser sind auf den Bel- Arad ausgerichtet. Vielleicht gehorchen Dinand und seine Gefährtinnen und Gefährten in den anderen Totenhäusern der gleichen Pflicht, der ihr auf dem Gipfel des Lichtberges am Stein der Dena gehorcht habt.“
„Sie sind schöne Kinder, makellos und gesund, die in den Totenhäusern als Opfer starben. Ich bin sicher, dass sie von ihrem Volk, ihren Eltern, ihren Freunden geliebt wurden. Sie tragen Spielzeug in den Händen und sie tragen die schönen Kleider ihres Volkes, doch aus dünnen Stoff, dass sie, regungslos in der Kälte ausharrend, schnell erfroren. Sie wurden nicht eingesperrt, oder gefesselt, oder vorab getötet, sondern sie harrten freiwillig aus, ihren Opfertod durch die Kälte erwartend. Ich glaube, sie wussten um die Bedeutung ihres Todes und haben ihn gläubig und für ihre Gemeinschaft erwartet.“
„Wir wollen wollen das Totengebet für sie sprechen, wie es Sitte in Silur ist, wenn zu einem Ort des Todes tritt: Gehe mit dem Segen der Götter, möge Horcan dich geleiten...“
Schweigend und nachdenklich verlassen sie die steinige Kuppe mit dem einsamen Totenhaus in dem ein tapferes Kind seit Ewigkeiten wachend auf den Bel- Arad blickt.
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